Man muss der Mainzer Sendezentrale für eine seltene Gabe danken: Niemand sonst versteht es, die eigene publizistische Bankrotterklärung mit so viel pompösem Selbstlob als Sternstunde des kritischen Geistes zu drapieren. Dass der deutsche Gebührenzahler monatlich zur Kasse gebeten wird, um die opulenten Pensionskassen des Zweiten Deutschen Fernsehens zu füttern, ist ein altbekanntes Ärgernis. Doch wenn das öffentlich-rechtliche Flaggschiff seinen hauseigenen Hofnarren Jan Böhmermann nach Kiew expediert, um dort mit feuchten Augen und zitternder Unterlippe Staatsräson zu zelebrieren, verlässt das Schauspiel die Niederungen der bloßen Gebührenverschwendung und betritt das Reich der peinlichen Farce. Der Mann, der sonst im heimischen Studio mit dem moralinsauren Gestus eines spätpubertären Volkserziehers Andersdenkende brandmarkt, trat vor Wolodymyr Selenskyj nicht als Fragesteller auf, sondern als devoter Bittsteller im Konfirmandenanzug. Wie eine schonungslose Analyse der NachDenkSeiten genüsslich seziert, entpuppte sich die Begegnung zwischen dem deutschen Bildschirm-Zyniker und dem ukrainischen Präsidenten als eine einzige liturgische Kriechspur, bei der jede Form von professioneller Distanz feierlich am Eingang des Kiewer Regierungsbunkers abgegeben wurde.

Es begann, wie es im postmodernen Moralin-Theater des deutschen Fernsehens beginnen muss: mit der Koketterie der eigenen Harmlosigkeit. Böhmermann eröffnete das Tête-à-Tête mit dem Bekenntnis, er sei doch bloß ein Clown, der nun ehrfürchtig zur weltpolitischen Lichtgestalt aufblicke. Diese rhetorische Selbstverzwergung ist freilich kein Akt sympathischer Bescheidenheit, sondern der bewährte Trick feiger Hofschranzen, um sich jeder unbequemen Nachfrage von vornherein zu entledigen. Wenn ein Comedian vorgibt, die Welt zu erklären, verlangt er die Narrenfreiheit des Satirikers; wenn er dann vor den Mächtigen der Welt einknickt, flüchtet er sich hinter dieselbe Maske, um bloß keinen Ernstfall zu riskieren. In Kiew saßen sich zwei Männer gegenüber, die ihr Handwerk einst auf der Comedy-Bühne gelernt haben, doch während der eine inzwischen über Mobilmachung, Frontverläufe und Milliardenhilfen gebietet, verharrte der deutsche Gast in der Rolle des ehrfürchtigen Groupies. Es war der peinliche Versuch einer bundesdeutschen Medienfigur, sich im Schatten des Donbass-Blutvergießens ein moralisches Heiligenschein-Upgrade zu verschaffen. Wer Zeuge dieses Austauschs wurde, begriff augenblicklich, dass es hier zu keinem Zeitpunkt um Information, geschweige denn um investigative Aufklärung ging, sondern um die rituelle Selbstbeweihräucherung eines Milieus, das Haltung stets über handwerkliche Redlichkeit stellt.

Das eigentliche Lehrstück dieser Kiew-Exkursion lieferte jedoch nicht das Kammerspiel der beiden Protagonisten, sondern das nachfolgende Chorgeheul der bundesdeutschen Medienlandschaft. Kaum flimmerte der staatlich alimentierte Kniefall über die Bildschirme, stimmten die Hofberichterstatter der etablierten Leitartikler ein frenetisches Hosianna an. Wo früher einmal Skepsis gegenüber Regierenden als oberste Tugend der Zunft galt, überschlugen sich die Edelfedern der Qualitätspresse vor Begeisterung über so viel emotionale Tiefe und vermeintlichen Mut. Es grenzt an Realsatire, mit welcher Inbrunst die Chronisten des Berliner und Mainzer Polit-Kartells diesen PR-Gefallen zum historischen Dokument verklärten. Dieselben Journalisten, die bei jeder regierungskritischen Regung hysterisch nach Zensur und Faktencheckern rufen, sahen in Böhmermanns unkritischem Dauergrinsen ein Glanzlicht europäischer Solidarität. Auch ein Bericht von eXXtra24 über die Kiewer Propaganda-Glosse bringt das Missverhältnis auf den Punkt: Statt harter Fakten zu Korruptionsvorwürfen, Zwangskrekrutierungen oder diplomatischen Sackgassen gab es weichgespülten Kuschelfunk zur besten Sendezeit. Das peinliche Schönreden dieses diplomatischen Kaffeekränzchens entlarvt den Zustand des deutschen Haltungsjournalismus präziser als jede medienwissenschaftliche Abhandlung. Man feiert nicht die journalistische Erkenntnis, man feiert das gemeinsame Bekenntnis zur genehmigten Botschaft.

Besonders köstlich geriet der Moment, in dem die Requisiten der Ergriffenheit ins Bild gerückt wurden. Die Inszenierung verlangte nach Symbolen, und so durfte die obligatorische gelb-blaue Folklore nicht fehlen, garniert mit dem staunenden Blick eines Wohlstandsbürgers, der zum ersten Mal echten Schießpulvergeruch aus sicherer Entfernung wähnt. Man muss sich diesen Typus des modernen bundesdeutschen Salon-Kriegers vor Augen führen: Im kuschligen Fernsehstudio in Köln-Ehrenfeld werden sonst mit spitzer Zunge und erhobenem Zeigefinger jene Bürger verhöhnt, die angesichts galoppierender Energiekosten und maroder Infrastruktur Zweifel an der endlosen Eskalationsspirale anmelden. Doch kaum vor den Toren des Kiewer Machtzentrums platziert, schmilzt der vorlaute Großstadt-Polemiker zum devoten Stichwortgeber zusammen. Keine Frage zu den Milliarden, die in Kiews undurchsichtigen Apparaten versickern; kein Wort über das Verbot von Oppositionsparteien oder die rabiate Schließung kritischer Medien in der Ukraine; kein Zweifel an der Siegesgewissheit, während an der Front täglich Hunderte Menschen im Schlamm verbluten. Böhmermann fragte nicht nach der Wirklichkeit, er bediente schlicht das Drehbuch, das ihm von den PR-Strategen des Präsidentenbüros auf den Schoß gelegt worden war. Es war Journalismus auf dem Niveau einer Autogrammstunde für Teenager.

Dieser voyeuristische Ausflug ins Krisengebiet markiert den traurigen Tiefpunkt einer Entwicklung, in der Information endgültig durch sentimentale Erbauung ersetzt wurde. Das deutsche Gebührenpublikum wird nicht mehr informiert, es wird konditioniert. Man serviert ihm den Konflikt nicht als tragisches, geopolitisches Dilemma mit verheerenden Kollateralschäden für ganz Europa, sondern als Comic-Streifen, in dem die Guten gegen die Bösen antreten und Jan Böhmermann als moralischer Schildknappe assistieren darf. Die Verharmlosung des Krieges zur Kulisse für ein öffentlich-rechtliches Eitelkeits-Projekt beleidigt nicht nur die Intelligenz der heimischen Beitragszahler, sie verhöhnt vor allem die Opfer vor Ort, deren reales Sterben hier zur bloßen Hintergrundmusik für bundesdeutsche Image-Politur degradiert wird. Während Rentner im Bundesgebiet Flaschen sammeln und Familien unter den Trümmern einer ruinösen Wirtschaftspolitik ächzen, fliegt der öffentlich-rechtliche Komplex seine Hofschranzen mit Erste-Klasse-Tickets in den Osten, um dort Haltungsnoten zu verteilen. Dass dieselben Medienmacher anschließend die Stirn besitzen, von gesellschaftlicher Spaltung zu schwadronieren, zeugt von einer Realitätsferne, die man fast schon wieder bewundern müsste, wenn sie nicht so brandgefährlich wäre.

Was bleibt von diesem Kiewer Laienspiel? Vor allem die deprimierende Gewissheit, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk jeden Anspruch auf Aufklärung aufgegeben hat. Er agiert nicht mehr als vierte Gewalt, die den Mächtigen auf die Finger schaut, sondern als willfährige PR-Agentur des herrschenden Konsenses. Böhmermanns Reise war kein journalistischer Coup, sondern die Bankrotterklärung einer Medienkaste, die Kritik nur noch nach unten, gegen das eigene Volk, austeilt, während sie nach oben buckelt, sobald die Inszenierung es verlangt. Der Clown hat seine Schuldigkeit getan, das Publikum darf weiter zahlen. Wer nach dieser Darbietung noch an die hehre Mär vom staatsfernen, unabhängigen Qualitätsfunk glaubt, dem ist wahrhaftig nicht mehr zu helfen. Man hat den Fernsehzuschauern ein Dokument der Unterwürfigkeit vorgesetzt und verkauft es dreist als Sternstunde des Diskurses. Ein System, das derartige Farce als Meisterleistung feiert, hat sich seine eigene Abwicklung redlich verdient.