Es bedarf schon einer ganz besonderen Form politischer Akrobatik, um das Erbe von Kurt Biedenkopf innerhalb weniger Jahre in eine bürokratische Filiale der politischen Konkurrenz zu verwandeln. In Dresden zelebriert Ministerpräsident Michael Kretschmer diese Kunst seit geraumer Zeit mit einer Hingabe, die selbst hartgesottene Theaterkritiker sprachlos zurücklässt. Wer morgens im Bierzelt den konservativen Volkstribun mimt, mittags im Kanzleramt um Fördermittel buhlt und abends am Elbufer mit den Erben der SED den nächsten Doppelhaushalt aushandelt, der hat die Kunst des ideologischen Spagats zweifellos perfektioniert. Doch die Fassade dieser sächsischen Wohlfühlkoalition bekommt tiefe Risse. Nach neun Jahren an den Schalthebeln der Parteifinanzen hat Landesschatzmeister Matthias Grahl die Reißleine gezogen. Er wirft das Handtuch, knallt die Tür hinter sich zu und hinterlässt seiner Partei einen Brandbrief, der sich liest wie der Obduktionsbericht eines schleichenden moralischen Verfalls.

Grahl, der über fast ein Jahrzehnt hinweg das Geld der sächsischen Christdemokraten zusammenhielt, redet in seinem Abschiedsschreiben nicht lange um den heißen Brei herum. Er sehe schlichtweg keinen Willen zur Kurskorrektur mehr bei den Spitzen seiner Partei. Wie ein Bericht der Welt detailliert aufzeigt, prangert der geschasste Kassenhüter schonungslos an, was hinter den Kulissen der Dresdner Staatskanzlei längst zum offenen Geheimnis verkommen ist: Die sächsische CDU-Minderheitsregierung regiert nur noch von Gnaden jener Kräfte, gegen die man im Wahlkampf noch wortgewaltig zu Felde gezogen war. Um den eigenen Regierungssessel zu retten, opfert die Parteispitze jede fiskalische Vernunft und jedes konservative Profil auf dem Altar des puren Machterhalts. Wer das Portemonnaie verwaltet, sieht die Rechnungen eben ungeschminkt. Und was Grahl auf den Tischen der Koalitionsrunden sah, war nichts anderes als die schrittweise Plünderung des Freistaats zugunsten linker Klientelpolitik.

Man muss sich das bizarre Schauspiel einmal in seiner ganzen Pracht vor Augen führen. Jahrelang predigte die sächsische Union das Mantra der soliden Finanzen, rühmte sich der Schuldenbremse und stilisierte sich selbst zum letzten Bollwerk bürgerlicher Vernunft im ostdeutschen Parteiengeplänkel. Übrig geblieben ist davon eine zitternde Minderheitsregierung, die, eingeklemmt zwischen der SPD und dem steten Druck der Straße, nun devot im Vorzimmer der Linksfraktion anklopfen muss, um überhaupt noch ein Haushaltsgesetz durch das Parlament zu bugsieren. Die Linke diktiert die Bedingungen, schreibt fleißig am Etat mit und lässt sich jede einzelne Enthaltung mit üppigen Wohltaten für den eigenen Vorfeldapparat vergolden. Der sächsische Steuerzahler darf derweil zusehen, wie seine hart erarbeiteten Abgaben in fragwürdige Prestige- und Gesellschaftsprojekte versickern, nur damit die Dienstwagenflotte der Staatskanzlei nicht vorzeitig in die Garage rollen muss.

Hier schlägt nun verlässlich die große Stunde unserer geschätzten publizistischen Begleitkapelle im öffentlich-rechtlichen Rundfunk und den überregionalen Redaktionsstuben. Mit einer Chuzpe, die jedem ehrlichen Satiriker die Schamröte ins Gesicht treiben müsste, verkaufen die Hofberichterstatter der Mainstream-Medien diesen faulen Kuhhandel als Triumph des Parlamentarismus. Was in Wahrheit die nackte Kapitulation vor dem Machtverlust ist, wird im MDR und in den Leitartikeln der Hauptstadtpresse feierlich als überparteiliche Reife, demokratische Brückenbaukunst und antifaschistische Pflichterfüllung verklärt. Wer diese Prinzipienlosigkeit kritisiert, gilt den tugendhaften Kommentatoren sogleich als Spalter oder Nestbeschmutzer. Grahl wird in den entsprechenden Zirkeln bereits als unbelehrbarer Querkopf abgetan, der die Zeichen der Zeit nicht verstanden habe. Es ist die altbekannte Methode: Erst verbiegt man die Realität bis zum Knacken, und wenn die Balken brechen, erklärt man das Trümmerfeld kurzerhand zum modernen Architekturwunder.

Besonders entlarvend ist dabei die groteske Farce um die berühmt-berüchtigte Brandmauer. Dieses sakrosankte Bauwerk, das von Parteitagen mit donnerndem Pathos beschworen wird, erweist sich in der Dresdner Praxis als erstaunlich flexibel. Nach rechts wird betoniert, bis der Zement bröckelt, während man nach links nicht einmal mehr eine Schranke herunterlässt. Wie auch die Junge Freiheit über den Eklat berichtet, erarbeitet die sächsische CDU ihren Haushalt nun ganz unverfroren Hand in Hand mit den Linken und den Grünen, ungeachtet aller gegenteiligen Beschlusslagen der eigenen Bundespartei. Die Wähler, denen vor dem Urnengang hoch und heilig versprochen wurde, eine Stimme für die CDU sei das einzig wirksame Gegengift gegen einen Linksrutsch, reiben sich verwundert die Augen. Sie haben Kretschmer gewählt und bekommen das Parteiprogramm der Linken im schwarz gefärbten Geschenkkarton serviert.

An der Parteibasis gärt es derweil gewaltig. Der Rücktritt Grahls ist kein isolierter Ausrutscher eines gekränkten Funktionärs, sondern das unüberhörbare Alarmsignal jener Mitglieder, die noch wissen, wofür das bürgerliche Lager einst stand. In den Kreisverbänden zwischen Erzgebirge und Oberlausitz wächst das Entsetzen über einen Ministerpräsidenten, der sich in Berlin als pragmatischer Macher inszeniert, daheim aber das Tafelsilber an jene Parteien verhökert, die der Freistaat bei den letzten Wahlen mehrheitlich abgestraft hat. Die sächsischen Unternehmer und Handwerker, das traditionelle Rückgrat der Union, blicken fassungslos auf das Ausgabenfeuerwerk einer Regierung, die im Wochentakt neue Stellen im Beamtenapparat schafft, während die Wirtschaft stagniert und die Infrastruktur verfällt. Kretschmers Kurs ist kein Modell für die Zukunft, sondern ein Offenbarungseid auf Raten.

Am Ende dieses Dresdner Schmierenstücks bleibt die ernüchternde Erkenntnis, dass politische Glaubwürdigkeit in der heutigen Union den Marktwert von Altpapier besitzt. Michael Kretschmer mag sich mit Hilfe seiner neuen linken Partner noch eine Weile an der Macht festkrallen und die Huldigungen wohlwollender Hauptstadtjournalisten genießen. Doch der Preis dafür ist astronomisch: Er hat die sächsische CDU ihres letzten Alleinstellungsmerkmals beraubt und sie zu einem beliebig formbaren Funktionskörper degradiert, der für den Erhalt von Ministergehältern jede Überzeugung feilbietet. Wenn der Kassenwart flieht, weil die Kasse moralisch wie finanziell geplündert ist, dann brennt das Dach längst lichterloh. Man darf gespannt sein, mit welchen rhetorischen Nebelkerzen der Dresdner Hofstaat die nächsten Rechnungen schönzurechnen gedenkt, wenn am Ende nicht nur die Kassen leer sind, sondern auch die letzten Wähler davongelaufen sind.