Man muss der Berliner Republik eines lassen: Ihre Realsatiren besitzen eine dramaturgische Wucht, an der selbst die begabtesten Bühnenautoren der Weimarer Republik kläglich gescheitert wären. Berlin, diese sonderbare Mischung aus preußischem Behördenversagen, hedonistischer Dauerparty und rot-grünem Volkserziehungsheim, hat ein neues rührendes Heldenstück zu bieten. Im Mittelpunkt des Dramas steht Elif Eralp, glühende Hoffnungsträgerin der Partei Die Linke, die sich anschickt, das Rote Rathaus im Sturm des progressiven Wandels zu erobern. Doch statt triumphaler Fanfaren hallt plötzlich ein veritabler Jammergesang durch die Flure des Abgeordnetenhauses. Die Spitzenkandidatin hat Angst. Und zwar nicht vor der bösen Reaktion, nicht vor dem phantomhaften Gespenst des Neoliberalismus und auch nicht vor dem Berliner Winterdienst, der traditionell bei der ersten Schneeflocke kapituliert. Nein, Frau Eralp fürchtet sich ganz profan vor jenen finsteren Milieus, denen ihre eigene Partei seit Jahr und Tag mit geradezu religiöser Inbrunst das Wort redet, wenn es darum geht, polizeiliche Durchgriffe als rassistische Zumutung zu brandmarken.

Die Diagnose ist so köstlich wie verheerend: Die Henker von gestern sind die Fürsprecher von heute, und wenn die eigene Klientel plötzlich an der Saaltür rüttelt, schlägt die woke Selbstgewissheit in nackte Panik um. Da eilt natürlich sofort die moralische Kavallerie herbei, um die Zerrissenheit der Genossin mit reichlich Weihrauch einzunebeln. Wie ein Bericht der Welt enthüllt, sprang Grünen-Bundeschefin Franziska Brantner sofort bei und zeigte tiefstes Verständnis für die Seelennöte der linken Genossin; es sei schließlich absolut nachvollziehbar, dass Frau Eralp Angst habe. Welch eine Offenbarung staatspolitischer Reife! Man stelle sich das auf einem Flugzeugträger vor: Der Kapitän meldet Panik vor dem offenen Meer, und die Admiralität verteilt Beruhigungstee und Decken. Wer die Führerschaft über eine zerfallende Metropole anstrebt, deklariert die eigene Furcht vor extremistischen Parallelgesellschaften kurzerhand zum empathischen Verdienstorden. Man regiert eben nicht mehr mit Entschlossenheit, man kuratiert kollektive Ohnmachtsgefühle im Schutze steuerfinanzierter Rückzugsräume.

Dass hinter dem Vorhang der therapeutischen Betroffenheit handfeste Gefahren für das letzte bisschen Rechtsstaatlichkeit lauern, dämmert selbst gestandenen Apparatschiks der Berliner SPD. Berlins ehemaliger Regierender Bürgermeister Michael Müller sprach nun laut aus, was im Partei-Establishment sonst nur mit vorgehaltener Hand geflüstert werden darf. Wie auch Apollo News analysiert, warnte Müller unmissverständlich davor, dass Eralp durch ihre offen eingestandene Angst vor Hamas-Sympathisanten und clan-nahen Netzwerken schlichtweg erpressbar geworden sei. Welch ein Treppenwitz der Parteiengeschichte: Der sozialdemokratische Honoratior, der jahrelang selbst an der Spitze jenes Senatsbündnisses stand, das Clan-Kriminalität zur Folklore degradierte und Clan-Größen mit Integrationsbeauftragten besänftigen wollte, entdeckt plötzlich das Phänomen der politischen Erpressbarkeit. Wer sich jahrelang vor den radikalen Schreihälsen im eigenen Kiez verneigt, darf sich nicht wundern, wenn diese eines Tages die Hand aufhalten und den Ton im Magistrat angeben wollen.

Hier treten natürlich die getreuen Hofberichterstatter der öffentlich-rechtlichen Funkhäuser und des progressiven Edelfeuilletons auf den Plan, um die Peinlichkeit mit dem bewährten Vokabular der Täter-Opfer-Umkehr zu übertünchen. Wo der unvoreingenommene Beobachter ein totales Führungsversagen und die heillose Verstrickung in radikale Milieus erkennt, dichten ARD, Tagesspiegel und die wohlmeinenden Kolumnisten der Hauptstadtpresse ein herzerweichendes Rührstück über weibliche Verwundbarkeit im rauen Politikbetrieb zusammen. Da wird die Furcht vor gewaltbereiten Islamisten und antisemitischen Randalierern nicht etwa als fatale Bankrotterklärung linker Naivität seziert, sondern flugs in eine Debatte über Hass im Netz, strukturellen Sexismus und die angebliche Verrohung des Diskurses durch konservative Mahner umgemünzt. Wenn die eigene Klientel brandschatzt oder Lokalpolitiker einschüchtert, sprechen die Haltungsjournalisten mit grabesdüsterer Miene von komplexen sozialen Spannungen, während dieselben Schreiberlinge beim kleinsten Mucken eines bürgerlichen Oppositionellen sofort die Verteidigung der Republik auf allen Kanälen ausrufen.

Die Groteske offenbart die ganze Lebenslüge des rot-grünen Gesellschaftsexperiments, das die Hauptstadt seit Jahrzehnten als Versuchslabor für den Rest der Bundesrepublik missbraucht. Jahrelang wurde jederWarner, jeder Kriminalbeamte und jeder Lehrer an einer Brennpunktschule in Neukölln oder Kreuzberg gnadenlos niedergebrüllt. Wer auf die unheilige Allianz zwischen linkem Kulturkampf und islamistischer Abschottung hinwies, wanderte im moralischen Karteikastensystem der Parteizentralen augenblicklich in die Schublade für Unbelehrbare. Man schuf runde Tische, finanzierte Abermillionen an Antidiskriminierungsprojekten und verteilte Stuhlkreise an Gestalten, die über das Strafgesetzbuch nur müde lächeln können. Nun aber, da die geschaffenen Geister nicht mehr nur den verhassten Polizisten auf der Sonnenallee mit Pflastersteinen bewerfen, sondern den Funktionärinnen im Parteibüro den Schweiß auf die Stirn treiben, bricht das mühsam gepflegte Kartenhaus der bunten Vielfalt krachend in sich zusammen.

Was bleibt von einer politischen Klasse, die einerseits den moralischen Zeigefinger gegen das gesamte Land erhebt, sich andererseits aber vor den Schlägertrupps im eigenen Vorzimmer duckt? Ein Senat, der nicht einmal fähig ist, einen Wahltermin pannenfrei zu organisieren oder ein Bürgeramt ohne mehrmonatige Wartezeit zu betreiben, kapituliert nun auch sehenden Auges vor den realen Machtverhältnissen auf den Straßen. In den Chefetagen der Verwaltung regiert das Prinzip der organisierten Feigheit: Man weicht zurück, beschwichtigt, gewährt Fördergelder und hofft inständig, dass das Krokodil einen selbst zuletzt frisst. Eralps öffentliches Zittern ist dabei kein individueller Ausrutscher, sondern das symptomatische Endstadium einer Politik, die den Schutz der eigenen Bürger längst der ideologischen Selbstdarstellung geopfert hat.

Das politische Schmierentheater erreicht seinen Höhepunkt darin, dass SPD und Grüne trotz aller Erpressbarkeitswarnungen unbeirrt daran basteln, mit eben jenen Akteuren die Macht im Roten Rathaus festzuzurren. Man stelle sich das Kabinett vor: Minister, die Beschlüsse künftig danach ausrichten müssen, ob der örtliche Clan-Chef oder die fundamentalistische Straßengang ihr Wohlwollen signalisieren, während die Ministerpräsidentenkonferenz staunend zusieht, wie ein deutsches Bundesland zur Geisel seiner eigenen Integrationsphantasien verkommt. Politikfähigkeit bemisst sich nicht länger am Willen zur Gestaltung, sondern am Talent, die eigene Ohnmacht in wohlklingende Phrasen über gesellschaftlichen Zusammenhalt zu verpacken.

Am Ende dieses absurden Lehrstücks bleibt die unvermeidliche Einsicht, dass man die Wirklichkeit zwar jahrelang verleugnen, verbiegen und medial beschönigen kann, sie sich am Ende aber doch mit brachialer Wucht Gehör verschafft. Wer den radikalen Mob füttert, um sich im Glanze moralischer Überlegenheit zu sonnen, sollte tunlichst darauf achten, dass die eigene Haustür verriegelt bleibt. Für Berlin freilich kommt dieser Ratschlag um Jahrzehnte zu spät: Hier hat man den Schlüssel längst den Wölfen überlassen und wundert sich nun mit zitternden Knien darüber, dass diese im Wohnzimmer Platz nehmen.