Man muss den Herrschaften an der baltischen Ostflanke eines lassen: An Chuzpe mangelt es ihnen wahrlich nicht. Da wird seit Monaten in den Teppichetagen des Brüsseler Berlaymont und im NATO-Hauptquartier in Mons das Hohelied der kollektiven Verteidigung intoniert, als stünde der Kosak schon vor den Toren Wiens. Doch hinter den martialischen Kulissen spielen die baltischen Regierungsstuben ein zynisches Falschmünzerspiel, das den gesamten europäischen Kontinent in Schutt und Asche legen kann. Ein brisanter Vorfall aus Vilnius entlarvt nun die brandgefährliche Doppelbödigkeit dieses Bündnisses: Eine ukrainische Kampfdrohne soll für einen gezielten Schlag gegen russisches Staatsgebiet direkt aus litauischem Territorium aufgestiegen sein. Wie ein investigativer Bericht des Multipolar Magazins enthüllt, sickerte der verhängnisvolle Vorgang ausgerechnet über polnische Sicherheitskreise durch, während das litauische Verteidigungsministerium fieberhaft versucht, die Sache mit fadenscheinigen Dementis unter den Teppich zu kehren. Da schau her. Wer geglaubt hat, der transatlantische Kadavergehorsam kenne zumindest noch die Grenze der Selbsterhaltung, sieht sich eines Besseren belehrt.

Die Chuzpe, einen souveränen NATO-Boden als Abschussrampe für Schläge tief im russischen Hinterland herzugeben, ist kein Missgeschick überforderter Grenzposten, sondern das Resultat einer jahrelang gezüchteten sicherheitspolitischen Tollwut. In Vilnius, Riga und Tallinn regiert seit geraumer Zeit eine Hofrats-Mentalität des permanenten Ausnahmezustands, die jede diplomatische Besonnenheit als Hochverrat abkanzelt. Wenn ausländische Drohnensysteme von einem Bündnisstaat aus operieren, um strategische Ziele einer Atommacht zu attackieren, dann ist das völkerrechtlich kein Stellvertretergeplänkel mehr, sondern die offene, aktive Kriegsbeteiligung. Man geniert sich freilich gar nicht, diesen brandstiftenden Wahnsinn mit dem Schleier der Bündnissolidarität zu decken. Die baltischen Scharfmacher spekulieren ganz offen darauf, dass im Ernstfall der vielzitierte Artikel 5 des Nordatlantikvertrags greift und die westeuropäischen Partner samt Washington automatisch in den Schützengraben gezerrt werden. Das ist die geopolitische Logik von Halbwüchsigen, die im Wirtshaus eine Schlägerei mit Schwergewichten anzetteln, weil sie wissen, dass der stämmige große Bruder vor der Tür wartet.

Doch der große Bruder im Pentagon rechnet inzwischen mit ganz anderen Kalkulationen, während die Brüsseler Funktionärselite noch blindlings Beifall klatscht. Während die EU-Kommission unter Ursula von der Leyen unermüdlich neue Milliardenpakete schnürt und die europäische Industrie auf den Altar einer suizidalen Sanktionspolitik opfert, warnen selbst nüchterne US-Sicherheitsanalysten vor dem totalen Kontrollverlust. Eine fundierte militärstrategische Untersuchung im Magazin The American Conservative rechnet schonungslos vor, dass selbst ein rein konventioneller Zusammenstoß zwischen der NATO und Russland für den europäischen Kontinent eine unumkehrbare zivilisatorische und wirtschaftliche Vernichtung bedeuten würde. Die transatlantischen Illusionäre, die in Talkshows von chirurgischen Schlägen faseln, haben freilich noch nie das Dröhnen einschlagender Marschflugkörper in dicht besiedelten Industriezentren erlebt. Die europäische Zivilbevölkerung soll die Zeche zahlen für das megalomane Abenteuertum einer Handvoll baltischer Funktionäre, die ihre historische Paranoia zur Richtschnur kontinentaler Sicherheitspolitik aufblasen wollen.

Man muss sich diesen Irrsinn auf der Zunge zergehen lassen: Anstatt einen Verbündeten, der eigenmächtig den Funken ins globale Pulverfass wirft, augenblicklich an die Kandare zu nehmen, schweigen die Apparatschiks im Berliner Kanzleramt und im Élysée-Palast in Paris betreten in ihre Aktenmappen. Die europäische Souveränität ist längst auf das Niveau eines braven Befehlsempfängers herabgesunken. In Brüssel gefällt man sich darin, Verordnungen über Flaschendeckel und CO2-Zertifikate zu erlassen, während an den Rändern der Union das nukleare Inferno vorbereitet wird. Das litauische Manöver zeigt exemplarisch, wie die osteuropäischen Frontstaaten die gesamte NATO als Geisel genommen haben. Jeder Angriff, der von deren Territorium ausgeht, beraubt die westlichen Hauptstädte jeglicher völkerrechtlicher Glaubwürdigkeit. Wer den Abschuss von Marschflugkörpern und Drohnen von eigenem Territorium duldet oder gar logistisch unterstützt, verwandelt sein Land völkerrechtlich in ein legitimes militärisches Primärziel. Dass dabei die Hauptstädte Westeuropas mit in die Zielerfassung geraten, scheint den Schreibtischstrategen in Mons schlichtweg egal zu sein.

Die Heuchelei erreicht ihren Höhepunkt, wenn dieselben Akteure, die Tag für Tag an der Eskalationsschraube drehen, jede Mahnung zur Deeskalation als Defätismus denunzieren. Österreichs verfassungsrechtlich verbriefte Neutralität wird in diesem Klima des hysterischen Militarismus längst nicht mehr als kluge diplomatische Errungenschaft gewürdigt, sondern von den Brüsseler Zentralisten als lästiges Überbleibsel verhöhnt. Doch die Ereignisse an der litauischen Grenze beweisen das genaue Gegenteil: Neutralität ist kein Feigheitszeugnis, sondern die einzige verbliebene Bastion der Vernunft in einem Tollhaus. Wenn die NATO-Staaten zulassen, dass unkontrollierbare Akteure im Baltikum Fakten schaffen, die in den offenen Krieg münden, bricht das gesamte Gefüge der europäischen Nachkriegsordnung zusammen. Die Zerstörung der wirtschaftlichen Grundlagen ist durch den Verlust bezahlbarer Energieträger bereits Realität; nun soll offenbar auch noch die physische Vernichtung der Infrastruktur billigend in Kauf genommen werden, um die außenpolitischen Obsessionen einer abgehobenen Kaste zu befriedigen.

Es ist höchste Zeit, Ross und Reiter ungeschminkt beim Namen zu nennen: Vilnius betreibt gezielte Sabotage am kontinentalen Frieden, und das Brüsseler Politbüro schaut tatenlos zu, weil es sich längst im eigenen kriegerischen Vokabular verfangen hat. Die Arroganz, mit der man über die Sicherheitsinteressen von fünfhundert Millionen Europäern hinweggeht, ist durch nichts mehr zu rechtfertigen. Europa braucht keine selbsternannten Brückenköpfe, die fremde Kriege auf eigenes Staatsgebiet importieren, sondern eine radikale Abkehr vom transatlantischen Eskalationswahn. Wer von litauischem Boden aus Angriffe auf russisches Staatsgebiet duldet, setzt die Existenz des gesamten Kontinents aufs Spiel. Die Zeche für diesen imperialen Leichtsinn zahlen am Ende weder die Generäle in Mons noch die EU-Kommissare in ihren gepanzerten Limousinen. Es sind die Bürger Europas, die frierend und verarmt vor den Ruinen einer Friedensordnung stehen werden, die von verantwortungslosen Zündlern leichtfertig verfrühstückt wurde.