Man muss den Herrschaften im Brüsseler NATO-Hauptquartier und den geopolitischen Leichtmatrosen der EU-Kommission zumindest eines zugestehen: eine beispiellose, fast schon bewundernswerte Chuzpe. Mit einer süffisanten Selbstverständlichkeit, die man in Wien sonst nur von überheblichen Hofräten kurz vor dem Pensionsantritt kennt, pinseln die transatlantischen Planer die Landkarten um. Da wird die Ostsee kurzerhand zum privaten Binnengewässer des westlichen Militärbündnisses erklärt, ein vermeintlich geschlossener See, in dem die russische Präsenz gefälligst zu verdampfen hat. Dass mitten in diesem herbeiphantasierten Aufmarschgebiet ein massiv hochgerüstetes, rund 15.000 Quadratkilometer großes Territorium namens Kaliningrad liegt, stört die Damen und Herren in Mons und Brüssel freilich nur peripher. Es ist die typische Verblendung eines Establishments, das militärische Planspiele am Reißbrett mit der Realität verwechselt und sich dabei keinen Millimeter geniert, einen ganzen Kontinent an den Rand des nuklearen Abgrunds zu manövrieren.

Wer auch nur einen Funken strategischen Restverstands besitzt, blickt mit eiskaltem Grausen auf das, was sich entlang der litauischen und polnischen Grenzen zusammenbraut. Kaliningrad ist keine wehrlose Kolonie, die man nach Lust und Laune von der Außenwelt abschneiden, aushungern oder mit bürokratischen Schikanen in die Knie zwingen könnte. In dieser Enklave steht das Rückgrat der russischen Baltischen Flotte, gespickt mit modernster Luftabwehr und mobilen Iskander-Raketensystemen, die im Ernstfall binnen weniger Minuten mit atomaren Sprengköpfen bestückt werden können. Wie eine fundierte Analyse von Responsible Statecraft schonungslos herausarbeitet, agiert das atlantische Bündnis mit einer beängstigenden Sorglosigkeit gegenüber genau diesem nuklearen Eskalationspotenzial. Die Schreibtischgeneräle im Pentagon und ihre europäischen Wasserträger tun schlichtweg so, als existiere das Moskauer Abschreckungspotenzial überhaupt nicht, und spekulieren leichtfertig darauf, dass der Kreml einen Würgegriff um seine westlichste Bastion achselzuckend hinnehmen würde.

Besonders tragikomisch gerät dabei die Vorstellung unserer nordischen Nachbarn, die jahrzehntelange Vernunft und florierende Neutralität über Nacht auf dem Altar transatlantischer Unterwerfung geschlachtet haben. Schweden und Finnland, einst angesehene Vermittler auf dem diplomatischen Parkett, lassen sich nun willfährig als Vorposten für die Einkreisung Kaliningrads einspannen. Dass Skandinavien in atemberaubendem Tempo seine außenpolitische Besonnenheit beerdigt hat und sich bedingungslos in die vorderste Feuerlinie drängt, dokumentiert ein schonungsloser Lagebericht von UnHerd über die beispiellose Kriegsvorbereitung im Hohen Norden. Stockholm und Helsinki haben ihre Souveränität eingetauscht gegen das zweifelhafte Privileg, im Ernstfall als Zielkoordinaten für russische Hyperschallraketen herzuhalten. Aus stolzen, eigenständigen Nationen wurden willfährige Handlanger Washingtons, die sich im Verbund mit den baltischen Scharfmachern in eine kollektive Belagerungs-Psychose hineinsteigern, die jeden Funken Deeskalation von vornherein als Verrat brandmarkt.

In den Brüsseler Amtsstuben wiederum sitzt das zivile Pendant dieses militärischen Wahnsinns. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und ihre Entourage verwalten den Niedergang Europas nicht nur mit ökonomischer Inkompetenz, sondern garnieren die Deindustrialisierung des Kontinents mit einer kriegslüsternen Rhetorik, die ihresgleichen sucht. Da werden Handelsblockaden für den Eisenbahntransit nach Kaliningrad konstruiert, Schifffahrtsrouten in internationalen Gewässern mit juristischen Taschenspielertricks bedroht und die sogenannte Suwalki-Lücke zu einem unausweichlichen Schlachtfeld hochstilisiert. Man tut im Berlaymont-Gebäude geradezu so, als sei Geopolitik ein juristisches Seminar, bei dem man die nukleare Supermacht Russland mit ein paar Verordnungen und Embargo-Paragraphen in die Schranken weisen könnte. Diese Mischung aus bürokratischem Regulierungsfimmel und geopolitischem Analphabetismus ist brandgefährlich, weil die Akteure die fatalen Konsequenzen ihres eigenen Handelns schlichtweg nicht mehr begreifen.

Historisch besehen ist die Analogie, die manche NATO-Vordenker bemühen, an Absurdität kaum zu überbieten. Sie vergleichen Kaliningrad gerne mit West-Berlin während des Kalten Krieges, phantasieren von einer umgekehrten Belagerung und übersehen dabei das Wesentliche: West-Berlin war eine unbewaffnete Enklave, geschützt allein durch die politische Garantie der Westmächte. Kaliningrad hingegen ist eine bis an die Zähne bewaffnete Festung mit direktem Meereszugang, dessen operative Zerschlagung oder Strangulierung nach der offiziellen Militärdoktrin der Russischen Föderation die rote Linie zur nuklearen Vergeltung darstellt. Wer glaubt, Moskau würde zusehen, wie seine Enklave im Baltikum durch See- oder Landblockaden stranguliert wird, ohne die gesamte militärische Wucht zur Öffnung eines Korridors einzusetzen, hat jede Verbindung zur realpolitischen Wirklichkeit verloren. Das ist kein strategisches Pokerspiel mehr, das ist die gezielte Einladung zur globalen Selbstauslöschung, inszeniert von Politikern, die noch nie eine Granate pfeifen hörten.

Während die europäischen Hauptstädte von Berlin über Paris bis Warschau Abermilliarden an Steuergeldern in absurde Aufrüstungsprojekte, baltische Panzerstellungen und maritime Überwachungsinfrastruktur pumpen, erodiert das gesellschaftliche Fundament unserer Länder zusehends. Krankenhäuser schließen, Brücken stürzen ein, mittelständische Betriebe gehen im Rekordtempo in die Insolvenz, weil ihnen die künstlich verteuerte Energie die Existenzgrundlage raubt. Doch für die NATO-Expansion an der Ostsee, für Munitionsdepots an der russischen Grenze und für die Alimentierung des US-amerikanischen Rüstungskomplexes sitzt das Geld der europäischen Steuerzahler locker. Die europäischen Bürger werden schamlos ausgeplündert, um einen militärischen Konfrontationskurs zu finanzieren, der ihnen keinerlei Sicherheit bringt, sondern sie stattdessen zur Zielscheibe im nuklearen Fadenkreuz macht. Es ist das alte, zynische Spiel: Die Zeche zahlen die kleinen Leute, während sich die Rüstungslobbyisten und Brüsseler Kommissare gegenseitig Orden umhängen.

Die europäische Außenpolitik hat sich längst von jedem Gedanken an eine dauerhafte Friedensordnung auf unserem Kontinent verabschiedet. Anstatt einzusehen, dass Geographie unveränderbar ist und Russland auch in hundert Jahren noch der größte Nachbar Europas sein wird, taumelt die politische Klasse in blindem Kadavergehorsam gegenüber den Strategen im Pentagon von einer Eskalationsstufe zur nächsten. Man redet sich ein, man könne eine Nuklearmacht an ihrer empfindlichsten Flanke demütigen, isolieren und einmauern, ohne dass die Antwort das gesamte europäische Haus in Schutt und Asche legt. Wenn dieser gefährliche Schmäh aus Brüssel und Mons nicht schleunigst gestoppt wird, werden die europäischen Völker den Preis für den Größenwahn ihrer Führer zahlen müssen – und dieser Preis bemisst sich dann nicht mehr nur in vernichteten Milliarden, sondern in der Existenz unseres gesamten Kontinents.