Man muss den Herrschaften im Brüsseler Berlaymont und im gläsernen NATO-Hauptquartier zu Haren zumindest eines zugestehen: eine beispiellose, fast schon bewundernswerte Chuzpe. Da bricht dem Kontinent gerade das ökonomische Rückgrat entzwei, die heimische Industrie wandert in Scharen gen Übersee oder Fernost ab, die Bürger ächzen unter einer Abgabenlast, die an spätfeudale Zehent-Exzesse erinnert – und was fabrizieren unsere wackeren Hofräte und geopolitischen Geisterfahrer? Sie marschieren mit wehenden Fahnen und brennenden Kassenbüchern weiter stramm auf dem Holzweg des totalen Kriegskabinetts. Wer geglaubt hat, das vorübergehende Taktieren Washingtons und die zynischen Ankündigungen aus dem Weißen Haus würden in Brüssel zu so etwas wie Nüchternheit, Reue oder gar diplomatischer Vernunft führen, der unterschätzt die Wiener Schule des Beamtentums und ihre belgischen Wiedergänger fundamental: Wenn der Karren erst einmal im Dreck steckt, gibt der Bürokrat Vollgas, bis der Motor explodiert.

Es ist ja eine altbekannte Schmierenkomödie, die uns da tagtäglich aufgeführt wird, freilich garniert mit dem moralinsauren Schmalz westlicher Werte-Hysterie. Während hinter den Kulissen längst das große Zittern vor einem Deal der Großmächte über die Köpfe der europäischen Statisten hinweg eingesetzt hat, läuft die militärische Expansionsmaschinerie ungerührt im Dreischichtbetrieb weiter. Man tut einfach so, als ließe sich die Geographie per Kommissionsbeschluss annullieren. Wie eine treffende Analyse der NachDenkSeiten schonungslos herausarbeitet, läuft die reale Expansion des atlantischen Bündnisses hinter dem rhetorischen Nebelkerzen-Gewitter der Diplomatie schlicht auf Hochtouren weiter. Neue Stützpunkte, logistische Korridore bis an den Dnepr, vorverlegte Kommandostrukturen und ein gigantischer administrativer Überbau werden im Eiltempo zementiert. Das Brüsseler Beamtentum hat sich in einen Rausch hineingesteigert, in dem jede abweichende Stimme, jedes leise Mahnen zur Deeskalation sofort als Verrat an der freien Welt gebrandmarkt wird. Man geniert sich halt für gar nichts mehr.

Da schau her: Derselbe Apparat, der vor wenigen Jahren noch mit weltrettendem Pathos den grünen Umbau und das sozial gerechte Europa besungen hat, fungiert heute als devoter Waffenbeschaffungs-Konzern und Propaganda-Lautsprecher für das Pentagon. Ursula von der Leyen und ihre willfährigen Kommissare haben den europäischen Kontinent in eine Geisel ihrer eigenen ideologischen Verblendung verwandelt. Jeder Cent, der in unseren maroden Schulen, auf den verfallenden Straßen oder in den kollabierenden Gesundheitssystemen fehlt, wird klaglos in die bodenlosen Kassen der transatlantischen Rüstungsgiganten geschaufelt. Man kauft Panzer auf Pump, bestellt sündteure US-Flugzeuge, die im Ernstfall ohne Software-Schlüssel aus Übersee nicht einmal die Startbahn verlassen dürfen, und nennt diesen beispiellosen Unterwerfungsakt auch noch stolz „strategische Souveränität“. Ein Wiener Kaffeehaus-Literat hätte diesen kafkaesken Irrsinn nicht treffender erfinden können: Man stranguliert sich selbst mit der Krawatte des Generals, um zu beweisen, wie aufrecht man stehen kann.

Doch hinter diesem hysterischen Trommelwirbel verbirgt sich keine geopolitische Weitsicht, sondern blanke existenzielle Panik einer delegitimierten Kaste. Es ist die Angst der Technokraten vor dem Tag, an dem die Menschen in Berlin, Paris oder Wien merken, welche unbezahlbare Zeche ihnen das Brüsseler Sanktionstheater und die atlantische Gefolgschaftstreue eingebrockt haben. In einem bemerkenswerten Gespräch mit dem Multipolar Magazin analysierte der russische Außenpolitik-Experte Fjodor Lukjanow treffend, dass die permanente Konfrontation mit Moskau für die regierenden europäischen Eliten mittlerweile schlichtweg überlebensnotwendig geworden ist. Der erfundene oder bis zur Karikatur überhöhte äußere Erzfeind dient als universeller Sündenbock für hausgemachtes Versagen: Wenn die Industrie flieht, war es der Russe; wenn die Inflation die Sparbücher auffrisst, ist es die böse Autokratie; und wenn die Bürger revoltieren, handelt es sich freilich um perfide Desinformation. Die permanente Militarisierung ist zum einzigen Konjunkturprogramm geworden, das dieser ideologisch verknöcherten Nomenklatura überhaupt noch einfällt.

Man muss sich diesen Zynismus auf der Zunge zergehen lassen. Dieselben Politiker, die bei jeder Wahl das Hohelied auf Frieden und Wohlstand trällern, können den Frieden in Wahrheit gar nicht mehr brauchen. Friede würde nämlich bedeuten, Rechenschaft abzulegen. Friede würde bedeuten, dass die Rechnungen auf den Tisch kommen – und zwar jene für die Hunderten Milliarden Euro, die in den korrupten Kassen Osteuropas und den Bilanzen amerikanischer Waffenschmieden versickert sind. Friede würde bedeuten, einzugestehen, dass die Zerstörung der günstigen eurasischen Energieversorgung ein ökonomischer Selbstmord mit Ansage war, dirigiert von Falken jenseits des Atlantiks, die sich ins Fäustchen lachen, während deutsche Werkshallen schließen und die traditionsreiche österreichische Zulieferindustrie den Bach hinuntergeht. Also wird die Eskalationsspirale weitergedreht, als gäbe es kein Morgen. Jede Vernunft wird im Trommelfeuer der Brüsseler Zensoren erstickt, während man den Bürgern einredet, Frieren und Zahlen seien patriotische Tugenden.

Besonders perfide ist dabei die Rolle der NATO-Apparatschiks, die in ihrer maßlosen Hybris jede historische Lektion der vergangenen Jahrhunderte über Bord geworfen haben. Sie haben den Grundsatz der europäischen Neutralität, der Staaten wie Österreich über Jahrzehnte hinweg Frieden, Sicherheit und Wohlstand garantiert hat, auf den Müllhaufen ihrer Expansionsphantasien geworfen. Aus Wien vernimmt man dazu freilich nur noch das verzagte Schweigen von Berufspolitikern, die im vorauseilenden Gehorsam vor Brüssel strammstehen, anstatt das verfassungsrechtliche Neutralitätsgebot wie ein Schild vor die eigene Bevölkerung zu halten. Man lässt sich widerstandslos in ein atlantisches Bündnis hineinziehen, das längst nicht mehr der Verteidigung dient, sondern zu einem weltweiten Interventions- und Zwangsbündnis verkommen ist. Dass dabei die Souveränität der Nationalstaaten restlos geschleift wird, ist kein bedauerlicher Kollateralschaden, sondern der eigentliche Kern des Projekts: Der Nationalstaat soll als Korrektiv beseitigt werden, damit das Brüsseler Politbüro ungestört schalten und walten kann.

Es ist dies die klassische Hofrats-Mentalität in ihrer bösartigsten, militarisierten Endstufe: Man verwaltet das Desaster nicht nur, man institutionalisiert es und baut darum herum eine gigantische Zensur- und Einschüchterungsarchitektur auf. Wer den Kopf schüttelt über die Abermilliarden für Munition, während für heimische Renten und Spitäler kein Cent mehr da ist, wird im Handumdrehen zum Staatsfeind erklärt. Doch dieser rhetorische Schutzwall bekommt Risse, und zwar gewaltige. Die Bürger dieses Kontinents sind die ewigen Untergangsgesänge, die verordneten Opferfeste und die unverschämte Chuzpe einer selbstgefälligen Nomenklatura gründlich leid. Man kann die Gesetze der Wirtschaft und der Diplomatie nicht auf Dauer mit Brüsseler Richtlinien außer Kraft setzen.

Die europäische Tragödie liegt nicht darin, dass uns äußere Mächte bedrohen würden, sondern darin, dass wir von Funktionären regiert werden, die ihren eigenen Bankrott mit dem Blut und dem Wohlstand der eigenen Bevölkerung maskieren. Brüssels Kriegskabinett hat den Kontinent in eine geopolitische Sackgasse manövriert, aus der es mit Panzern und Parolen kein Entkommen gibt. Wenn die Völker Europas diese hemmungslose Nomenklatura nicht bald in ihre Schranken weisen und ihr das Scheckbuch für den ewigen Waffengang aus der Hand schlagen, wird am Ende nicht der Sieg der sogenannten Wertegemeinschaft stehen – sondern ein ausgeplünderter, deindustrialisierter Rumpfkontinent, der in den Ruinen seiner eigenen Arroganz friert.