Man muss der Brüsseler Nomenklatura eines lassen: Wenn es darum geht, die eigene strategische Insolvenz mit herrschaftlicher Arroganz zu übertünchen, erreicht das Berlaymont olympische Höhen. Während jenseits des Atlantiks selbst die hartgesottensten Falken im Pentagon begriffen haben, dass der geopolitische Feldzug gegen Moskau an der Frontlinie zerschellt ist, proben Ursula von der Leyen und ihr diplomatisches Laienschauspiel-Ensemble den kollektiven Nervenzusammenbruch. Da wird im Halbstundentakt nach Paris, Berlin und London telegrafiert, als gelte es, das Ende des Abendlandes abzuwenden – nur weil im Weißen Haus nüchterne Tabellen über leere Waffendepots und unbezahlbare Schuldenberge studiert werden. Wie das Magazin Responsible Statecraft analysiert, schlägt den europäischen Regierenden die bloße Aussicht auf erzwungene Friedensgespräche wie ein diplomatischer Magenbitter auf das Gemüt. Man fordert dort allen Ernstes mehr Härte, mehr Waffen und mehr Durchhalteparolen, während das eigene Fundament bereits lichterloh brennt. Ein Schauspiel von seltener, fast tragikomischer Verblendung, das an die kaiserlich-königlichen Hofräte im Juli 1914 erinnert, die den Untergang ebenfalls für einen Spaziergang hielten.
Es gehört freilich schon eine gehörige Portion Chuzpe dazu, nach vier Jahren rücksichtsloser Verarmungspolitik der eigenen Bevölkerung zu erklären, man müsse nun den totalen Wirtschaftskrieg auf eigene Rechnung weiterfinanzieren. Die Brüsseler Technokraten haben die europäische Industrie ruiniert, die Energiepreise durch selbstzerstörerische Sanktionsregime in astronomische Sphären katapultiert und den europäischen Kontinent militärstrategisch vollständig den Launen Washingtons ausgeliefert. Nun, da die US-Administration unter Donald Trump unverhohlen signalisiert, dass der teure transatlantische Ausflug nach Osten beendet wird, bricht im EU-Viertel die nackte Panik aus. Wer soll schließlich den Scherbenhaufen rechtfertigen? Vor den eigenen Wählern einzugestehen, dass Hunderttausende Menschenleben und Hunderte Milliarden Euro für eine geopolitische Schimäre geopfert wurden, verbietet das Brüsseler Standesethos. Stattdessen schwadronieren dieselben Gestalten, die gestern noch den totalen militärischen Sieg versprachen, von einer „Koalition der Willigen“, die das finanzielle Fass ohne Boden künftig im Alleingang stopfen soll. Da schau her: Der Vasall will den Krieg fortsetzen, während der Lehnsherr längst an der Kasse steht und das Lokal verlassen möchte.
Die publizistische Begleitmusik in den westlichen Hauptstädten hat die Grenze zur bizarren Selbstaufgabe längst überschritten. Jeder noch so vorsichtige diplomatische Vorstoß, jede Mahnung zur territorialen Schadensbegrenzung wird reflexhaft als Verrat gebrandmarkt. Dabei liegt die Realität auf dem Tisch, eiskalt und unbarmherzig: Wie die Washingtoner Denkfabrik The American Conservative klarstellt, ist ein schmerzhafter diplomatischer Kompromiss längst die einzige verbliebene Option, um den vollständigen Zusammenbruch Kiews zu verhindern. Fairness, so konstatiert das Blatt nüchtern, gibt es in der Geopolitik am Ende eines verlorenen Abnutzungskrieges nicht. Doch genau diesen elementaren Grundsatz imperialer Realitäten verweigern die Berufs-Moralisten im EU-Parlament und den westeuropäischen Außenministerien mit geradezu religiösem Eifer. Sie fordern Sicherheitsgarantien für Gebiete, die militärisch längst verloren sind, und traktieren die Öffentlichkeit mit Durchhaltephantasien, für die kein einziger ihrer feinen Söhne im Schützengraben krepieren muss. Es ist das ewige Prinzip der Hofrats-Mentalität: Mit fremdem Blut und fremdem Geld lässt sich gar vortrefflich heroisch parlieren.
Besonders perfide gestaltet sich das Schauspiel freilich in Österreich, wo das politische Establishment den letzten Funken verbliebener Staatsräson längst auf dem Altar der Brüsseler Gefälligkeit geopfert hat. Anstatt die verfassungsmäßige, immerwährende Neutralität als das zu nutzen, was sie historisch war – ein unschätzbares diplomatisches Werkzeug, eine Friedensbrücke und ein unverzichtbarer Verhandlungsort für zerstrittene Weltmächte –, hecheln die Wiener Ministerien jedem NATO-Narrativ hinterher, als gelte es, eine Fleißaufgabe beim transatlantischen Aufsichtsrat abzuliefern. Man geniert sich sichtlich für das eigene Neutralitätsgesetz, schielt lüstern auf europäische Aufrüstungstöpfe und redet den Bürgern ein, wahre Solidarität bestehe darin, die ökonomische Selbstverbrennung klaglos hinzunehmen. Dass Wien als neutraler Boden einst Staatsmänner wie Kennedy und Chruschtschow an einen Tisch brachte, wird von den heutigen Polit-Akteuren als lästige Altlast betrachtet. Sie gefallen sich lieber in der Rolle der strammstehenden Statisten einer europäischen Militarisierungsorgie, die weder von den Bürgern gewollt noch von der Verfassung gedeckt ist.
Die Verlogenheit dieser transatlantischen Eskalationsmaschinerie manifestiert sich in der brutalen Ungleichzeitigkeit: Während Konzerne aus den Vereinigten Staaten das teure Fracking-Gas nach Europa exportieren und US-Rüstungskonzerne historische Rekordgewinne einfahren, schlittert Mitteleuropa in eine fundamentale Deindustrialisierung. Deutsche Fabriken machen dicht, französische Staatsfinanzen kollabieren unter der Zinslast, und in Österreich ächzt der Mittelstand unter einer Inflationswelle, die durch ebenjene Sanktionsbeschlüsse mutwillig ausgelöst wurde. Das NATO-Hauptquartier in Mons und die Brüsseler Kommission verhalten sich wie ein Kamikaze-Kommando, das die eigenen Zivilisten im Laderaum einsperrt, bevor es die Triebwerke überdreht. Nicht der Schutz der europäischen Völker treibt diese Funktionäre an, sondern das panische Bestreben, das eigene Gesicht in den Geschichtsbüchern zu retten. Wer jahrelang gepredigt hat, dass Moskau nur durch eine bedingungslose Kapitulation zur Vernunft gebracht werden könne, fürchtet das Friedensdiktat mehr als die Pest. Denn dieser Frieden wird unweigerlich das schonungslose Urteil über vier Jahre kolossales Führungsversagen fällen.
Die Zeit des billigen Moralisierens neigt sich dem Ende zu, und der Kater wird brachial ausfallen. Washington diktiert bereits die Spielregeln für das finale Arrangement, ohne Brüssels hysterische Zwischenrufe auch nur eines Blickes zu würdigen. Dass die Europäer nun womöglich hunderte Milliarden Euro an Wiederaufbauhilfen und Stationierungskosten stemmen sollen, während die strategische Kontrolle vollständig in den Händen der Großmächte verbleibt, ist die logische Quittung für jahrelangen Kadavergehorsam. Wer sich freiwillig zum Schoßhund fremder Geostrategen degradiert, darf sich nicht wundern, wenn er am Ende draußen vor der Tür angeleint wird, während die Mächtigen drinnen die Verträge paraphieren. Doch anstatt innezuhalten, die Trümmer zu begutachten und endlich eine eigenständige, friedensorientierte Diplomatie einzuleiten, drehen von der Leyen und ihre Hofschranzen weiter am Rad des Eskalationswahns. Man bereitet Verordnungen für neue Kredite vor, schwafelt von Kriegswirtschaft und will die Bürger auf jahrelangen Mangel einschwören.
Es wird den Herrschaften in ihren Brüsseler Glaspalästen freilich nichts nützen. Die Geopolitik ist keine Wohlfühl-Konferenz mit vorformulierten Schlusskommuniqués, sondern ein kaltes Kräfteverhältnis. Die Realität hat die transatlantische Schimäre eingeholt. Wenn dieser verheerende Stellvertreterkrieg vorbei ist, wird nicht der angebliche Triumph der europäischen Werte im Gedächtnis bleiben, sondern das zynische Versagen einer Polit-Kaste, die bereit war, den Wohlstand, den Frieden und die Zukunft eines ganzen Kontinents zu verpfänden, nur um nicht eingestehen zu müssen, dass man von Anfang an auf der falschen Seite der Geschichte gepokert hat. Der letzte Vorhang fällt – und was dahinter sichtbar wird, ist kein heroisches Bollwerk, sondern ein ideologischer Offenbarungseid epischen Ausmaßes.


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