Man muss diese eigentümliche Mischung aus patriotischem Pathos und servilem Vasallentum erst einmal sacken lassen, mit der die politische Klasse in Warschau seit Monaten hausieren geht. Da feiert sich eine mitteleuropäische Republik als stolze Wiege nationaler Souveränität, nur um im selben Atemzug auf den Knien nach Washington zu rutschen und das Pentagon inständig anzubetteln, das eigene Staatsgebiet doch bitteschön dauerhaft mit zehntausenden amerikanischen Stiefeln zu besetzen. Rund zehntausend US-Soldaten sind mittlerweile zwischen Oder und Bug stationiert, die Präsenz hat sich seit dem Ausbruch der Kampfhandlungen in der Ukraine glatt verdoppelt. Doch den Strategen an der Weichsel reicht das noch lange nicht. Mit einer geradezu rührenden Naivität bietet Warschau Milliarden aus der eigenen Steuerkasse an, um den Herrschaften aus Übersee luxuriöse Kasernen, Betonpisten und Munitionsbunker hinzustellen. Was im Brüsseler EU-Politbüro als vorbildliche transatlantische Bündnistreue gefeiert wird, ist bei nüchternem Licht betrachtet ein historisches Armutszeugnis: die freiwillige Degradierung eines stolzen europäischen Landes zum vorgeschobenen Truppenübungsplatz fremder Großmachtinteressen.

Es gehört schon eine gehörige Portion Chuzpe dazu, diese Stationierungswut auch noch als Garanten für Frieden und Stabilität zu verkaufen. Selbst in den Zirkeln der amerikanischen Hauptstadt beginnt man sich nämlich allmählich zu wundern, welche Geister man im östlichen NATO-Vorhof gerufen hat. Wie eine fundierte Analyse von Responsible Statecraft schonungslos herausarbeitet, stellt sich im Pentagon längst die existenzielle Frage, welchen militärischen und strategischen Sinn eine permanente US-Garnison in Polen überhaupt erfüllen soll. Außer freilich jenem einen, der den europäischen Bürgern tunlichst verschwiegen wird: der Schaffung eines automatischen Stolperdrahts. Sollte an den östlichen Grenzen auch nur ein Querschläger fallen, stünden amerikanische Soldaten sofort im Schussfeld – und die Atommacht USA wäre völkerrechtlich und militärisch gezwungen, den Dritten Weltkrieg auf mitteleuropäischem Boden zu entfesseln. Die polnische Regierung zelebriert diesen Wahnsinn als Sicherheitsgarantie, während er in Wahrheit nichts anderes ist als die vertraglich besiegelte Selbstaufgabe jeglicher diplomatischer Flexibilität.

Und was machen die feinen Hofräte in der Brüsseler EU-Kommission? Sie schauen andächtig zu. Seit Jahren predigt Ursula von der Leyen mit salbungsvoller Stimme das Märchen von der europäischen Souveränität, faselt von einer strategischen Autonomie und lässt sündteure Verteidigungspapiere drucken, die das Papier nicht wert sind, auf dem sie stehen. Doch in dem Moment, in dem Warschau die Schlüssel zur europäischen Sicherheitsarchitektur bedingungslos dem US-Verteidigungsministerium aushändigt, herrscht im Berlaymont-Palast betretenes Schweigen. Man geniert sich halt für gar nichts mehr. Die Europäische Union überweist Jahr für Jahr gigantische Summen aus den Strukturfonds nach Polen, finanziert mit dem hart erarbeiteten Geld der Steuerzahler in Wien, Berlin oder Paris Straßen und Schienenwege, die nun primär dafür ertüchtigt werden, schwere US-Panzerverbände möglichst reibungslos an die Ostgrenze zu karren. Wir finanzieren die logistische Infrastruktur für eine fremde Besatzungsmacht, während unsere eigenen Industrien unter den explodierenden Energiekosten und dem Brüsseler Regulierungsirrsinn ersticken.

Man muss sich die ökonomischen Dimensionen dieser kollektiven Hysterie vor Augen führen. Polen wendet mittlerweile über vier Prozent seiner gesamten Wirtschaftsleistung für das Militär auf – ein aberwitziger Spitzenwert innerhalb der Allianz. Doch wohin fließt der Geldsegen? Freilich nicht in eine eigenständige europäische Rüstungsindustrie oder gar in zivile Zukunftsprojekte. Die Milliarden fließen schnurstracks auf die Konten der US-Rüstungsriesen Lockheed Martin, General Dynamics und Raytheon. Patriot-Flugabwehrsysteme, F-35-Tarnkappenbomber, Abrams-Kampfpanzer, Apache-Kampfhubschrauber: Warschau kauft das amerikanische Arsenal leer, als gäbe es kein Morgen mehr. Finanziert wird diese gigantische Aufrüstungsorgie auf Pump, während das polnische Haushaltsdefizit bedrohliche Ausmaße annimmt. Doch Vernunft und fiskalische Disziplin spielen keine Rolle mehr, wenn der transatlantische Kadavergehorsam regiert. Wer die Kritik wagt, wird sofort als Handlanger des Feindes diffamiert – ein rhetorisches Schema, das man in den NATO-Zentralen seit Jahrzehnten mit perfider Perfektion pflegt.

Dabei entbehrt das Warschauer Kalkül jeglicher geopolitischer Weitsicht. Die polnischen Eliten klammern sich an die Vorstellung, Washingtons Schutzschirm sei eine unverbrüchliche Ewigkeitsgarantie. Welch ein provinzieller Irrtum. Im Nationalen Sicherheitsrat in Washington und in den Denkfabriken der US-Ostküste schaut man auf die Weltkarte und sieht längst ganz andere Prioritäten: Den Pazifik, das Südchinesische Meer und den wirtschaftlichen Überlebenskampf gegen China. Was geschieht mit den permanenten Basen in Polen, wenn die strategische Notwendigkeit die US-Streitkräfte morgen nach Taiwan zwingt? Was geschieht, wenn ein amerikanischer Kongress beschließt, die astronomischen Kosten für die Übersee-Garnisonen nicht mehr tragen zu wollen? Zurück bliebe ein militarisierter, tief gespaltener Kontinent, der jede Brücke zu einer friedlichen Nachbarschaft niedergebrannt hat. Man hat sich in die Rolle des nützlichen Idioten manövriert, der den Kopf hinhält, während die Profiteure im Pentagon längst zur nächsten Schachpartie übergehen.

Aus einer österreichischen Perspektive betrachtet, die historisch immerhin die Weisheit besaß, auf die bewaffnete Neutralität und die Kunst der Diplomatie zu setzen, ist dieses osteuropäische Säbelrasseln schlichtweg unerträglich. Echte Sicherheit entsteht doch nicht dadurch, dass man sein Land mit fremden Militärstützpunkten zupflastert und sich freiwillig zur nuklearen Zielscheibe ersten Ranges macht. Sie entsteht durch kluge Interessensausgleiche, durch Pufferzonen, durch die unaufgeregte Erkenntnis geographischer Realitäten. Russland wird nicht von der Landkarte verschwinden, ganz gleich, wie viele Patriot-Batterien die polnische Armee noch an der Grenze aufstellt. Doch wer solche Selbstverständlichkeiten heute in Brüssel oder Warschau ausspricht, gilt als Verräter an der heiligen transatlantischen Allianz. Man hat die europäische Aufklärung gegen den blinden Militarismus eingetauscht.

Die Schmierenkomödie an der Weichsel führt uns das ganze Elend der europäischen Gegenwart vor Augen. Europa wird von einer Kaste geführt, die von Eigenständigkeit faselt, aber bei der ersten Gelegenheit nach Washington kriecht, um Befehle und Besatzungstruppen entgegenzunehmen. Warschau will die Festung spielen, merkt aber gar nicht, dass die Burgmauern von fremden Herren kontrolliert werden. Die Rechnung für diesen Garnisons-Wahn zahlen am Ende die Bürger: mit erodierendem Wohlstand, dem Verlust ihrer Freiheit und der permanenten Gefahr, in einen apokalyptischen Konflikt hineingezogen zu werden, den niemand in Europa gewinnen kann. Wer freiwillig zur Kolonie degeneriert, hat jedes Recht verwirkt, sich über die Konsequenzen zu wundern.