Man muss der bundesdeutschen Politik eines lassen: Wenn es darum geht, die eigene Bedeutungslosigkeit mit feudalem Pomp zu umkränzen, läuft der Berliner Betrieb zur absoluten Hochform auf. Schloss Bellevue, diese klassizistische Schatulle an der Spree, in der seit Jahrzehnten das schlechte Gewissen der Nation auf Staatskosten logiert, steht vor einer Neuvermietung. Frank-Walter Steinmeier, der amtierende Großmeister der pastoralen Betroffenheitslyrik und des staatstragenden Achselzuckens, bereitet seinen Auszug vor. Was in einem vernunftbegabten Gemeinwesen der Anlass für eine nüchterne Debatte über Sinn, Zweck und schiere Überflüssigkeit eines rein zeremoniellen Grußonkel-Amtes wäre, gerät im Berliner Wanderzirkus verlässlich zur grotesken Posse. Die Republik zerbröselt an ihren Rändern, die Brücken verrosten, die Wirtschaft schrumpft mit olympischem Ehrgeiz, doch im politischen Establishment bricht hektische Betriebsamkeit aus. Es gilt schließlich, den lukrativsten Versorgungsposten der Republik neu zu verhökern – ein Amt, dessen Hauptaufgabe darin besteht, an Feiertagen mit Grabesstimme den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu beschwören, während man denselben im politischen Alltag mit vollen Händen zerschlägt.
Die Ouvertüre zu diesem bizarren Schauspiel liefern wie gewohnt die Hohepriester der woken Tugendhaftigkeit aus den Reihen der geschrumpften Rest-Koalitionäre. Mit der weltfremden Ernsthaftigkeit von Klosterschülern haben führende Köpfe von SPD und Grünen das entscheidende Kriterium für das höchste Staatsamt formuliert: Es muss diesmal zwingend eine Frau sein. Keine herausragende Denkerin, keine integre Persönlichkeit mit Rückgrat jenseits des Parteibuchs, nein, die biologische Beschaffenheit des künftigen Staatsoberhaupts wird zur kardinalen Überlebensfrage der Demokratie hochstilisiert. Wie ein Bericht der Welt dokumentiert, plädieren Sozialdemokraten und Grüne unisono dafür, dass das Schloss an der Spree endlich unter weibliche Regentschaft gestellt werden müsse. Die intellektuelle Bankrotterklärung könnte vollkommener kaum sein: Wer nichts mehr zu bieten hat – keine Antworten auf die galoppierende Deindustrialisierung, keine Lösungen für kollabierende Sozialkassen –, flüchtet sich in die heile Welt der Genital-Arithmetik. Staatsräson wird zum Casting-Format für den öffentlich-rechtlichen Quoten-Karneval degradiert.
Doch die Konkurrenz von der bayerischen Spezlwirtschaft schläft nicht und hat die Steilvorlage dankbar verwandelt. Markus Söder, dieser wandelnde Barockaltar der bayerischen Eigenliebe, roch den Braten sofort und zauberte die bayerische Landtagspräsidentin Ilse Aigner als weiß-blaue Wunderwaffe aus dem Maßkrug. Eine Frau, eine Konservative, eine Frohnatur aus Oberbayern – damit treibt die CSU den Bundeskanzler in spe, Friedrich Merz, mit sadistischer Freude vor sich her. Merz, der sich im Sauerland vermutlich schon selbst im Frack beim Staatsempfang halluziniert hatte, gerät in die Zwickmühle. Auf dem Parteitag der Christsozialen in Augsburg musste der CDU-Vorsitzende mit gequältem Lächeln ertragen, wie die Delegierten Aigner demonstrativ zujubelten. Wie Apollo News über den Machtkampf berichtet, verweigerte Merz jede Festlegung, während die bayerischen Parteifreunde feixend die Falle zuschnappen ließen. Aigner im Schloss Bellevue würde Merz das Leben schwer machen: Die CSU hätte das Schloss erobert, die Frauenquote wäre scheinheilig bedient, und Merz stünde als knorriger Patriarch da, der sich den Vorgaben aus München beugen musste. Politik auf höchster Ebene – man verhandelt die Geschicke des Landes mit den Methoden eines durchtriebenen Viehhändlers im Chiemgau.
Besonders rührend ist dabei die publizistische Begleitmusik der hiesigen Qualitätspresse, die dieses peinliche Ränkespiel mit salbungsvollem Ernst begleitet. Die Hofberichterstatter in den Funkhäusern von ARD und ZDF sowie den Edelfedern der Hauptstadtgazetten überschlagen sich bereits vor Begeisterung über den vermeintlichen Modernisierungsschub. Da wird jede Ankündigung einer weiblichen Kandidatur gefeiert, als stünde die Wiederauferstehung der Aufklärung bevor, während man das schmutzige Postengeschacher dahinter diskret ins Reich der höheren Staatskunst verklärt. Wenn progressive Zirkel die Kandidatenauswahl auf ein chromosomales Ausschlussverfahren reduzieren, nennt der Leitartikler das feinsinnig ein »starkes Signal der gesellschaftlichen Reife«. Würde dieselbe Heuchelei in einer mittelständischen Fabrik praktiziert, schlüge die Empörungswelle hoch; im Berliner Raumschiff gilt der Verzicht auf jede fachliche Qualifikation zugunsten des korrekten Parteibuchs und des passenden Geschlechts hingegen als Glanzleistung demokratischer Repräsentanz. Man beklatscht die eigene Verblendung im Spiegelsaal der Hauptstadtredaktionen, während das Publikum draußen im Lande längst kopfschüttelnd den Kanal wechselt.
Dabei lohnt ein nüchterner Blick auf das Amt selbst, das man den Bürgern seit 1949 als moralischen Leuchtturm verkauft. Was hat dieser Palast der Phrasen der Nation in den letzten Jahren beschert? Frank-Walter Steinmeier hat das Amt zu einer Dauer-Kanzel für betreutes Denken umgebaut. Seine Amtszeit bestand im Wesentlichen daraus, den renitenten Bürgern bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit ins Gewissen zu reden, wenn sie es wagten, an den Segnungen der Berliner Transformationspolitik zu zweifeln. Der Bundespräsident fungiert im modernen Deutschland als staatlich alimentierter Oberlehrer, der den Steuerzahlern erklärt, warum sie ihren Gürtel enger schnallen, ihre Kritik herunterschlucken und brav die Beschlüsse der Berliner Nomenklatura beklatschen müssen. Wenn dieser Mann das Schloss verlässt, hinterlässt er kein Vermächtnis, sondern ein gigantisches Archiv aus gestanzten Mahnungen, die schon am Tag nach ihrer Aussprache niemand mehr hören wollte. Schloss Bellevue ist nicht der Hort der Verfassung, sondern das Mausoleum der bundesrepublikanischen Selbstgefälligkeit.
Die Krönung dieser Farce ist die Bundesversammlung selbst – jenes verfassungsmäßige Kuriositätenkabinett, das Anfang 2027 zusammentreten wird, um den Deal abzunicken. Man kennt das Schauspiel: Neben abgehalfterten Politikern, die man für ihre Parteitreue mit einem Ausflug nach Berlin belohnt, karren die Fraktionen eine bunte Mischung aus linientreuen Kulturschaffenden, drittklassigen TV-Moderatoren, Vorzeige-Sportlern und woken Influencern heran. Diese illustre Schar darf dann im Blitzlichtgewitter für einen Tag Schicksal spielen und so tun, als vollziehe sich hier ein sakraler Akt der Volkssouveränität. In Wahrheit ist die Wahl gelaufen, lange bevor der erste Prominente seinen Stimmzettel in die Urne wirft. Sie wird in düsteren Hinterzimmern ausgehandelt, wo man Ministerposten gegen Bundesrichterstellen und Wohlwollen gegen Staatssekretäre aufrechnet. Wer glaubt, in dieser Versammlung gehe es um die beste Persönlichkeit für das Land, glaubt auch, dass eine Hauptversammlung der Deutschen Bahn die Pünktlichkeit der Züge zum Ziel hat.
Am Ende wird eine Figur das Schloss beziehen, die perfekt in dieses System der organisierten Verantwortungslosigkeit passt: geschmeidig, parteipolitisch diszipliniert und absolut unfähig, den Mächtigen in Berlin jemals wehzutun. Ob der Erfüllungsgehilfe am Ende ein Kostüm oder einen Anzug trägt, ist für die geschundenen Bürger dieses Landes so relevant wie der Umstand, mit welcher Schriftart die nächste Steuererhöhung gedruckt wird. Man wird den neuen Amtsinhaber mit 21 Salutschüssen begrüßen, ihm die Villa Hammerschmidt als Sommerresidenz polieren und eine Entourage aus Höflingen finanzieren, während draußen vor den Schlossmauern die reale Welt in Schutt und Asche versinkt. Das höchste Amt im Staate ist endgültig dort angekommen, wo es nach Jahrzehnten parteipolitischer Inzucht hingehört: Es ist die goldene Schleife um ein bankrottes System, das sich selbst feiert, während die Bürger nur noch die Zeche für den Champagner zahlen dürfen.


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