Man muss der bundesdeutschen Parteienlandschaft eines lassen: Sie beherrscht die Kunst des unfreiwilligen Schmierenstücks wie keine zweite Institution auf diesem Kontinent. Wenn sich ein politischer Großtanker nach Jahrzehnten methodischer Selbstentkernung dem Meeresgrund nähert, geschieht das nicht mit heroischem Pathos, sondern im Gewand der larmoyanten Altherrenbeichte. Der neueste Akt in diesem Trauerspiel gebührt keinem Geringeren als Peter Altmaier, dem personifizierten Stoßdämpfer des Kanzleramts vergangener Dekaden. Ausgerechnet jener Mann, der sechzehn Jahre lang jedes noch so verheerende Regierungsversagen mit dem sonoren Wohlklang eines saarländischen Feinschmeckers moderierte, tritt nun vor die Nation und erklärt mit feuchten Augen, er habe sich noch nie im Leben solche Sorgen um seine Partei gemacht. Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen wie eine lauwarme Pastete: Der Chefarchitekt der politischen Narkose wundert sich darüber, dass der Patient im Koma liegt.
Die Diagnose, die Altmaier im Gespräch mit der Welt zu Protokoll gab, strotzt vor jener atemberaubenden Dreistigkeit, die man sonst nur bei Brandstiftern findet, die sich über den unzureichenden Wasserdruck der Feuerwehr beschweren. Er vermisse die Regierungserfahrung, klagt der Altmeister des gepflegten Aussitzens, und warnt mit staatsmännischem Tremolo vor einem weiteren Vertrauensverlust der politischen Mitte. Welch ein Fundus an heuchlerischer Selbstüberhöhung! Wer hat denn bitteschön über Generationen hinweg jedes eigenständige Profil im Konrad-Adenauer-Haus wie Unkraut ausgerupft? Wer hat die christdemokratische Kaderschmiede in ein steriles Sanatorium verwandelt, in dem jede abweichende Meinung als Majestätsbeleidigung geahndet wurde? Altmaiers Wehklagen ist kein Weckruf, sondern das Phantomschmerzensgeläut eines politischen Rentners, der realisiert, dass die von ihm mitgebaute Maschinerie außer Selbstreferenzialität nichts mehr zu produzieren imstande ist.
Doch wer nun hofft, aus den Reihen des Nachwuchses wehe ein frischer Wind der Rebellion durch die verstaubten Flure der Parteizentrale, wird auf das Grausamste enttäuscht. Der hoffnungsvolle Parteinachwuchs revoltiert nicht, er parfümiert den Verwesungsgeruch. Wie eine treffende Bestandsaufnahme bei Tichys Einblick schonungslos herausarbeitet, leidet die Junge Union unter einer pathologischen Frühvergreisung, die jeden Vergleich mit früheren Epochen verhöhnt. Wo einst junge Wilde den Altvorderen die Leviten lasen und unbequeme Debatten riskierten, trifft man heute auf Anfangszwanzigjährige im maßgeschneiderten Zweireiher, die mit der Ausstrahlung eines pensionierten Oberregierungsrats die Floskeln des Parteivorstands nachbeten. Diese Nachwuchsfunktionäre haben das reale Leben noch nicht betreten, verfügen aber bereits über die mimische Starre und den zynischen Opportunismus eines ministerialen Abteilungsleiters kurz vor der Ruhestandsversetzung.
Die Verhaltenslehre dieser Jungpolitiker ist von einer geradezu tragikomischen Bravheit geprägt. Bei Parteitagen sitzen sie mit gescheiteltem Haar in den ersten Reihen, klatschen diszipliniert im Takt der vorgegebenen Regieanweisungen und halten jedes reglementierende Verbot für einen Ausweis staatsmännischer Reife. Kein Tabubruch, kein intellektuelles Wagnis, kein einziger ungeschliffener Gedanke trübt das makellose Profil dieser Nachwuchs-Bürokraten. Sie wurden nicht herangezogen, um ein Land zu gestalten, sondern um ein geschlossenes System zu verwalten, das sich längst von der Realität seiner Bürger abgekoppelt hat. Das Ergebnis ist eine autistische Selbstbespiegelung: Man netzwerkt für den nächsten Listenplatz, feilt an diplomatischen Plattitüden für Instagram und verwechselt das Aufsagen von Wohlfühlparolen mit politischer Führungsstärke. Ein Trauerspiel in feinstem Tuch, das jedem wahren Konservativen die Zornesröte ins Gesicht treiben müsste.
Natürlich darf in diesem bizarren Schauspiel die devote Begleitmusik der Berliner Hofberichterstatter nicht fehlen. Mit einer fast schon rührenden Inbrunst beeilen sich die Edelfedern der Leitmedien und die öffentlich-rechtlichen Kommentatoren, diese grassierende Geistlosigkeit als Zeichen wohltuender Mäßigung zu verklären. Wenn Altmaier sein wehleidiges Klagelied anstimmt, nicken die Talkshow-Moderatoren ehrfürchtig über so viel staatsbürgerliche Demut, anstatt ihn an seine eigene Bilanz der planwirtschaftlichen Energiewende-Subventionen und der totalen strategischen Lähmung zu erinnern. Und wenn die gegelten Musterschüler der Jungen Union brav auf Linie bleiben, lobt das mediale Establishment dies umgehend als vorbildliche Brandmauer-Mentalität und staatstragende Vernunft. Es ist die Symbiose zweier Blasen: Journalisten, die Politik nur noch als moralische Haltungsnote begreifen, bejubeln Nachwuchskader, die niemals eine Haltung besaßen, die über das Überleben im eigenen Apparat hinausginge.
Das eigentliche Drama dieser Partei besteht darin, dass sie die Erosion ihrer Substanz mit Professionalität verwechselt. Man wähnt sich als Fels in der Brandung, während die Fundamente längst zu feinem Sand zerrieben sind. Der Bürger draußen vor den Türen der klimatisierten Abgeordnetenbüros kämpft mit galoppierender Teuerung, kollabierender Infrastruktur und einer Bürokratie, die jedes unternehmerische Wagnis im Keim erstickt. Doch die Antwort der Parteizentralen erschöpft sich im eitlen Austausch von Befindlichkeiten und der rituellen Beschwörung alter Machtansprüche. Altmaier und seine politischen Zöglinge gleichen Passagieren auf einem führerlosen Schiff, die sich gegenseitig für die fehlerfreie Einhaltung der Kleiderordnung beim Abendessen loben, während im Maschinenraum längst das Wasser steht.
Am Ende bleibt von der einst stolzen Volkspartei eine potemkinsche Fassade, bewohnt von reuigen Architekten des Niedergangs und deren vorzeitig gealterten Erben. Wenn Peter Altmaier heute klagt, er habe noch nie solche Sorgen gehabt, dann spricht daraus nicht staatsmännische Weisheit, sondern das verbitterte Erschrecken eines Mannes, der in den Spiegel blickt und das Resultat seines eigenen Wirkens nicht ertragen kann. Die Union stirbt nicht an ihren politischen Gegnern, sie erstickt an ihrer eigenen saturieren Feigheit. Und während die alten Gardisten im Lehnstuhl über das Schicksal der Republik seufzen, polieren die Nachwuchsbeamten im Vorzimmer bereits ihre Krawattennadeln für die nächste Beerdigung erster Klasse.


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