Man muss die Redaktionsstuben von ARD und ZDF für ihre schlafwandlerische Poesie aufrichtig bewundern. Wenn jenseits des Rheins ganze Straßenzüge in Flammen aufgehen, Rathäuser wie Fackeln in den Nachthimmel ragen, Feuerwehrleute im Hinterhalt mit Eisenstangen attackiert und Supermärkte methodisch ausgeräumt werden, dann erblickt das deutsche Gebührenfernsehen darin nicht etwa schlichte Barbarei oder den Zusammenbruch des staatlichen Gewaltmonopols. Bewahre! In den klimatisierten Gesinnungsbiotopen am Mainzer Lerchenberg und im Hamburger NDR-Sendezentrum diagnostiziert man stattdessen mit somnambuler Treffsicherheit einen zivilgesellschaftlichen Hilferuf. Da brennen keine Barrikaden aus purer Zerstörungslust, da flackert in den Augen der hauseigenen TV-Pädagogen lediglich das ergreifende Fanal engagierter Jugendlicher, die sich vermutlich nach intensiver Lektüre von Jean-Jacques Rousseau für eine grundlegende Reform des französischen Sekundarschulwesens starkmachen. Wer den marodierenden Trupps beim Zerstören von Straßenbahnen und Zünden von Brandbomben zusieht, erlebt nach Lesart der öffentlich-rechtlichen Volkserzieher keinen kriminellen Gewaltrausch, sondern gewissermaßen einen etwas temperamentvoll geratenen Tag der offenen Tür im Lycée.
Es grenzt an Realsatire von historischem Rang, wie beharrlich sich die Hohepriester der bundesdeutschen Tagesschau-Moral gegen die Wirklichkeit stemmen. Tagelang mühten sich Korrespondenten mit kalkuliertem Leidensblick ab, den Zorn der Straße in ein vertrautes linksliberales Schablönchen zu pressen. Wie ein aufschlussreicher Bericht der Berliner Zeitung trocken dokumentiert, brauchten die Redaktionen von ARD und ZDF auffällig lange, um überhaupt zur Kenntnis zu nehmen, dass die maskierten Gestalten mit Brechstangen und Sturmhauben keineswegs nur besorgte Oberstufenschüler waren, die gegen Lehrermangel demonstrierten. Die Vorstellung, dass dort draußen Banden unterwegs sind, die mit dem bürgerlichen Bildungsbegriff so viel am Hut haben wie ein Brandstifter mit der Brandversicherung, überfordert das Weltbild der Funkhäuser kolossal. Wenn die Realität nicht mit dem Lehrplan des Haltungsjournalismus übereinstimmt, wird eben so lange weichgezeichnet, verklausuliert und retuschiert, bis aus einem plündernden Mob ein Haufen missverstandener Abiturienten geworden ist, die bloß die falsche Didaktik erwischt haben.
Das semantische Entsorgungsarsenal der deutschen Leitmedien läuft in solchen Momenten auf absoluten Hochtouren. Aus Gewalttätern werden im Handumdrehen »Aktivisten«, aus Brandschatzern »aufgebrachte Heranwachsende« und aus der gezielten Zerstörung kommunaler Infrastruktur eine »diffuse Wut über fehlende Perspektiven«. Es ist die ewige soziologische Waschanlage, in der jede Schandtat so lange durchgespült wird, bis nur noch das reine, unschuldige Opfer von Diskriminierung und sozialer Kälte übrigbleibt. Man kennt dieses Schema aus den heimischen Debatten zur Genüge. Sobald in Neukölln, Marxloh oder der Pariser Banlieue Raketen auf Rettungswagen fliegen, eilt sofort der arrivierte Leitartikler im feinen Kaschmirpullover herbei, um dem staunenden Publikum zu erklären, dass in Wahrheit die Mehrheitsgesellschaft schuld sei. Hätte man diesen bedauernswerten Seelen doch bloß rechtzeitig einen weiteren Bolzplatz betoniert oder einen Workshop für gewaltfreie Kommunikation spendiert, sie hätten ihre Mörserfeuerwerke gewiss im Schrank gelassen!
Dahinter steckt eine tief sitzende, fast rührende Angst der medialen Elite vor dem eigenen Publikum. Denn nichts fürchten die Programmmacher mehr, als dass der Gebührenzahler vor dem Bildschirm auf falsche Gedanken kommen könnte. Wie treffend bei Tichys Einblick analysiert wird, besteht die oberste Priorität der deutschen Berichterstattung in solchen Ausnahmezuständen nicht etwa in der unvoreingenommenen Schilderung des Terrors vor Ort, sondern in der präventiven Bekämpfung unerwünschter Schlussfolgerungen in den Köpfen der Zuschauer. Während in Paris, Lyon und Marseille die Schaufensterfronten splittern und Geschäftsleute um ihre nackte Existenz bangen, gilt die größte Sorge der bundesdeutschen Haltungsakrobaten der Frage, ob diese Bilder nicht womöglich »den Falschen nützen« könnten. Der Bürger wird nicht als mündiger Konsument von Fakten behandelt, sondern als labiler Patient, dem man die bittere Pille der Wahrheit nur zerkleinert und in zuckersüßen Erziehungssirup getaucht verabreichen darf.
Dieser peinliche Eiertanz der Hofberichterstatter entbehrt nicht einer gewissen unfreiwilligen Komik. Da sitzen hochdotierte TV-Anchors mit staatstragender Grabesmiene im Studio, runzeln mitfühlend die Stirn und fabulieren über strukturelle Benachteiligung, während im Hintergrund Amateurvideos aus den sozialen Netzwerken laufen, auf denen grölende Horden Markenkleidung, Flachbildschirme und Luxusuhren aus zertrümmerten Kaufhäusern schleppen. Man muss schon über ein beachtliches Maß an ideologischer Hornhaut verfügen, um in einem geplünderten Sneaker-Store den heroischen Kampf gegen das Bildungsprekariat zu erkennen. Doch unsere medialen Edelfedern schreckt kein Realitätsabgleich. Mit der Arroganz von Hofschranzen, die jeden Einwand des Pöbels als Ketzerei abtun, erklären sie uns die Welt so, wie sie in den Parteizentralen und soziologischen Fakultäten erträumt wurde: bunt, friedlich und im Zweifel immer von den Segnungen des Sozialstaates heilbar. Wer darauf hinweist, dass Brandsätze keine Argumente sind, wird postwendend als Spalter und Scharfmacher gebrandmarkt.
Die französische Tragödie offenbart damit den totalen moralischen Bankrott einer Journalismus-Kaste, die sich längst nicht mehr als Chronist des Zeitgeschehens versteht, sondern als ministerielle Betreuungsagentur für geistig unzuverlässige Bürger. Wenn Bürgermeister in Frankreich den Notstand ausrufen und verzweifelt um Polizeiverstärkung flehen, sitzt die deutsche Qualitätspresse im geistigen Liegestuhl und schwadroniert über »subkutane Marginalisierungserfahrungen«. Es ist dieser heuchlerische Paternalismus, der den Zuschauer fassungslos zurücklässt. Man erklärt uns mit pastoralem Ernst, dass die Zerstörung einer öffentlichen Stadtbibliothek eine nachvollziehbare Rebellion gegen das Establishment darstelle – während die Bibliothekarin vor den Trümmern ihres Lebenswerks steht und die Brandstifter vermutlich noch nie eine Leihkarte in den Händen hielten. Das moralinsaure Feuilleton feiert den Kulturzerfall als Emanzipation, solange die Flammen weit genug von den eigenen Villenvierteln entfernt lodern.
Am Ende dieser medialen Geisterfahrt bleibt eine Gewissheit: Die deutschen Funkhäuser werden ihren Kurs der betreuten Realitätsverweigerung nicht um einen Millimeter korrigieren. Sie werden weiter framen, relativieren und belehren, bis auch der letzte Zweifelnde verstanden hat, dass Gewalt keine Täter kennt, sondern nur gesamtgesellschaftliche Verfehlungen. Und sollte der Funke dereinst über den Rhein springen und die heimischen Fußgängerzonen erleuchten, wird uns die Tagesschau mit sanfter Stimme versichern, dass es sich hierbei lediglich um eine besonders lebendige Form des Bürgerdialogs handelt. Man wird uns bitten, mehr Verständnis aufzubringen, während die eigenen Autos brennen. Schließlich ist die Verklärung der Anarchie die letzte verbliebene Bastion eines Haltungsjournalismus, der lieber das Land in Trümmern sieht, als auch nur einen einzigen seiner geliebten Irrtümer einzugestehen.


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