Man muss der Berliner Kommunalpolitik dankbar sein, denn nirgendwo sonst auf diesem geplagten Globus wird das hehre Schmierentheater der bundesdeutschen Gesinnungshygiene mit einer derart unfreiwilligen Komik zelebriert. Ausgerechnet Reinickendorf, dieser notorisch verschlafene Außenbezirk zwischen Kleingartenkolonien, märkischem Kiefernsand und der melancholischen Ruine des alten Flughafens Tegel, ist über Nacht zum Epizentrum eines weltanschaulichen Nervenzusammenbruchs mutiert. Was ist geschehen? Wurde das Grundgesetz im Tegeler Forst verscharrt? Haben fremde Mächte das örtliche Bürgeramt besetzt? Mitnichten. Ein paar Kommunalpolitiker haben lediglich getan, wofür sie gewählt wurden: Sie haben Köpfe gezählt und sich der unverschämten Realität gebeugt. Der Bundestagsabgeordnete Marvin Schulz und seine christdemokratischen Parteifreunde vor Ort verweigerten den rituellen Veitstanz und erklärten schlicht, einen Kandidaten der AfD zum stellvertretenden Bezirksbürgermeister zu wählen. In den Weihrauchkammern des Berliner Parteienstaates gilt so etwas bekanntlich nicht als schnöde Personalentscheidung, sondern als metaphysischer Sündenfall ersten Ranges.

Die Empörung rollt nun mit der Wucht einer veritablen Lawine durch die Bundeshauptstadt, als stünde die Wiederkehr der finstersten Epochen unmittelbar bevor. Wie die Junge Freiheit berichtet, begründete der Abgeordnete Marvin Schulz den Schritt mit einer fast schon revolutionären Prämisse: Sachpolitik gehe vor Lagerlogik. Man müsse sich diese bodenlose Frechheit auf der Zunge zergehen lassen. Da erdreistet sich ein gewählter Mandatsträger tatsächlich zu behaupten, ein Bezirksparlament sei kein moralisches Tribunal zur Rettung des Abendlandes, sondern eine schnöde Zweckgemeinschaft zur Verwaltung von Schlaglöchern, maroden Schultoiletten und überlasteten Grünflächenämtern. Schulz wagt es auszusprechen, was das Berliner Funktionärskartell seit Jahren mit hysterischem Geschrei zu übertönen versucht: Wenn Bürger eine Partei mit zweistelligen Ergebnissen in die Parlamente schicken, lässt sich dieser Wählerwille nicht einfach durch permanentes Wegsehen und kollektives Augen-Zukneifen aus der Welt schaffen. Doch genau dieses kindliche Trotzverhalten wurde in den vergangenen Jahren zur höchsten staatsbürgerlichen Tugend erhoben.

Die rituellen Bannflüche ließen selbstredend keine fünf Minuten auf sich warten. Wer das bundesdeutsche Scherbengericht kennt, weiß, dass nun die Phase der kollektiven Exorzismen einsetzt. Die moralischen Großinquisitoren im Konrad-Adenauer-Haus, angeführt von Parteistrategen, die sonst keine Gelegenheit auslassen, von bürgerlicher Vernunft zu schwadronieren, hyperventilieren im Gleichschritt. Es ist das vertraute Schauspiel einer Partei, die sich jahrelang einredete, man könne die eigene Wählerbasis mit wohlfeilen Parolen abspeisen, während man im politischen Alltag brav das linke Wohlfühlprogramm exekutiert. Man hat sich in den Chefetagen der Union ein ideologisches Korsett gezimmert, das so eng geschnürt ist, dass jeder noch so winzige Hauch von pragmatischem Pragmatismus sofort zum Erstickungsanfall führt. Der Gedanke, dass demokratische Institutionen schlicht dysfunktional werden, wenn man relevante Fraktionen dauerhaft wie Aussätzige behandelt, übersteigt das Vorstellungsvermögen einer Polit-Kaste, die parlamentarische Mehrheiten lieber durch erpresserische Allianzen mit den Erben des DDR-Staatssozialismus zimmert, als auch nur einen Millimeter von ihrem selbstgerechten Dogma abzuweichen.

Besonders erbaulich ist in diesen Stunden der Blick auf die Hofberichterstatter der etablierten Hauptstadt-Gazetten und die geschätzten Kolleginnen und Kollegen des öffentlich-rechtlichen Erziehungsfunks. Dort sitzt der Schock tief in den designerbrillenbestückten Gesichtern. Mit Leichenbittermiene und jenem salbungsvollen Tremolo, das man sonst nur von Beerdigungen dritter Klasse kennt, wird das Reinickendorfer Votum als Generalangriff auf die Statik des Staates seziert. Man überbietet sich in den Redaktionsstuben von Kreuzberg bis Mainz gegenseitig mit apokalyptischen Beschwörungsformeln, um das Offensichtliche schönzureden: dass nämlich die jahrelang herbeigeschriebene Ausgrenzungsdoktrin an der simplen Realität der Bürger zerschellt. Die Hofschreiberlinge malen den Untergang der Zivilisation an die Wand, schwafeln von Dammbrüchen und Zivilisationsverlust, während sie gleichzeitig krampfhaft versuchen, das eigene Publikum darüber hinwegzutrösten, dass die vielbeschworene Brandmauer mittlerweile weniger Stabilität aufweist als eine morsche Gartenlaube im herbstlichen Berliner Nieselregen. Wie die Berliner Zeitung analysiert, gerät das betonierte Dogma der Parteizentralen ausgerechnet an der Basis ins Wanken, wo die Funktionäre den Bürgern noch täglich auf der Straße ins Gesicht blicken müssen.

Die Heuchelei erreicht dabei Dimensionen, die selbst hartgesottenen Chronisten der Berliner Republik ein ungläubiges Staunen abringen. Dieselben Parteigrößen der SPD und der Grünen, die nun zeternd durch die TV-Studios touren und vor der Normalisierung des Bösen warnen, haben überhaupt keine Berührungsängste, wenn es darum geht, in Berliner Hinterzimmern mit linksradikalen Hausbesetzer-Sympathisanten und bekennenden Marxisten ins Bett zu steigen. Wenn die Linkspartei das Privateigentum schleifen und Enteignungen im großen Stil durchpeitschen will, gilt das im Berliner Milieu als progressiver Dialog; wenn aber ein Kommunalpolitiker in Reinickendorf feststellt, dass die Verwaltung eines Rathauses nach Wahlergebnissen und nicht nach Gesinnungsnoten besetzt werden muss, wittern dieselben Geister den Untergang des Abendlandes. Es ist diese groteske Asymmetrie der moralischen Empörung, die das Vertrauen der Bürger in das politische System gründlicher erodiert hat als jede oppositionelle Rede es jemals könnte.

Hinter der hysterischen Fassade verbirgt sich freilich eine ganz profane, existenzielle Angst: der drohende Verlust des parteipolitischen Pfründe-Monopols. Seit Jahrzehnten haben sich die traditionellen Apparate den Staat und seine Untergliederungen zur Beute gemacht, Posten nach Proporz verschachert und sich gegenseitig versichert, dass die Machtausübung auf ewig im vertrauten Kreis der altbekannten Kartelle verbleiben möge. Das Reinickendorfer Exempel zeigt jedoch schonungslos, dass die mathematische Realität irgendwann jedes politische Konstrukt einholt. Man kann die Wähler beschimpfen, man kann sie belehren, man kann ihnen durch gebührenfinanzierte Dauerschleifen erklären, wie falsch sie doch gewählt haben – am Ende sitzen die gewählten Vertreter im Saal, und wer regieren will, muss mit den Mandaten rechnen, die vorhanden sind, nicht mit jenen, die man sich in den Elfenbeintürmen der Parteistiftungen herbeifantasiert hat.

Reinickendorf wird kein Einzelfall bleiben, ganz gleich, wie viele Parteiausschlussverfahren das Konrad-Adenauer-Haus nun in die Wege leitet und wie laut die Leitartikler in ihren Schreibtischkanten verbeißen mögen. Die Realität ist eine notorisch uneinsichtige Kundin: Sie schert sich weder um die Parteitagsbeschlüsse der Berliner Funktionäre noch um die moralinsauren Belehrungen des Fernsehrats. Wer Politik gegen die Bürgerschaft betreibt und jede unliebsame Mehrheit mit einem bürokratischen Quarantänevermerk versehen will, wird am Ende von genau jener Wirklichkeit überrollt, die er so verzweifelt zu verbannen suchte. Am Ende bleibt von der großen Berliner Moralinszenierung nichts weiter übrig als das klägliche Bild eines erschöpften Establishments, das vor dem Spiegel steht und sich darüber wundert, dass das Volk partout nicht so tanzen will, wie die Hohepriester der reinen Lehre es auf der Parteiorgel vorgeben.