In den öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten zwischen Mainz, Hamburg und Köln muss in den frühen Morgenstunden kollektiver Freudentaumel ausgebrochen sein, der sonst nur bei Papstwahlen oder dem unverhofften Erreichen eines WM-Halbfinales freigesetzt wird. Kaum meldeten die US-Netzwerke den prognostizierten Mehrheitswechsel im Washingtoner Repräsentantenhaus, gerieten die hiesigen Übersee-Korrespondenten in eine publizistische Ekstase, die mit nüchternem Auslandsjournalismus ungefähr so viel gemein hat wie eine Parteitagsrede der Grünen Jugend mit freier Marktwirtschaft. Donald Trump sei am Boden zerstört, das amerikanische Volk zur Vernunft erwacht und das transatlantische Seelenheil wiederhergestellt. Man konnte das kollektive Aufatmen in den schallisolierten Studios förmlich hören: Die Guten haben gesiegt, die Finsternis weicht, und die deutsche Edelfeder darf endlich wieder selig einschlafen, ohne von marodierenden Republikanern im Oval Office zu träumen.

Dass es sich bei dem Ausgang dieser Zwischenwahlen um ein denkbar klassisches Midterm-Muster handelt – das Pendel schwingt zur regierungsfernen Partei, das Repräsentantenhaus blockiert künftig den Haushalt, während die Senatsmehrheiten zäh verteidigt werden –, tut der allgemeinen Hysterie natürlich keinen Abbruch. Wo die nüchterne Demoskopie eine zutiefst gespaltene, von Inflation, horrender Verschuldung und gesellschaftlicher Zerrüttung geplagte Nation abbildet, dichtet der deutsche Leitartikler eine metaphysische Läuterung herbei. Wie eine eilends verbreitete Analyse der Tagesschau zu den US-Zwischenwahlen eilfertig suggeriert, steuere das Land nun zielstrebig in eine lichte Ära demokratischer Restauration, während die Gegenseite in den Trümmern ihres eigenen Populismus versinke. Man fragt sich unweigerlich, welche psychoaktiven Substanzen in den Kantinen von ARD und ZDF zum morgendlichen Fairtrade-Kaffee gereicht werden, um die knochentrockene Realität eines unversöhnlich geteilten Washingtoner Gesetzgebungsapparats in ein Märchen vom unausweichlichen Triumph des Guten umzudeuten.

Hier zeigt sich einmal mehr die ganze Erbärmlichkeit der modernen Hofberichterstattung, die das journalistische Handwerk längst gegen den priesterlichen Dienst an der einzig wahren Moral eingetauscht hat. Was unsere staatlich alimentierten Meinungswächter und ihre getreuen Multiplikatoren in den Verlagshäusern veranstalten, ist kein Berichten, sondern peinlichstes Schönreden im Dauerfeuer. Wenn ein Leitmedium wie Welt Online von einem rabenschwarzen Tag für Trump schwärmt, offenbart sich die infantil-religiöse Sehnsucht eines Milieus, das Politik nicht als das Bohren harter Bretter begreift, sondern als Seifenoper zwischen Edelmütigen und Schurken. Dieselben Hofschranzen, die im eigenen Land jeden bürgerlichen Unmut über explodierende Energiepreise, kaputtregulierte Industrien und kollabierende Infrastrukturen als staatsfeindliche Umtriebe abqualifizieren, fallen in Washington vor jedem progressiven Neuling auf die Knie, solange er nur die korrekten soziokulturellen Phrasen fehlerfrei aufsagen kann. Journalistische Distanz gilt in diesen Kreisen längst als Charakterschwäche; gefordert ist die bedingungslose Identifikation mit dem vermeintlich Guten.

Es grenzt an Realsatire von monumentaler Güteklasse: Während die Bundesrepublik im europäischen Schneckentempo deindustrialisiert wird, Fabriken reihenweise das Land verlassen und das heimische Parteiengefüge in steter Lähmung erstarrt, belehren deutsche Redakteure mit erhobenem Zeigefinger den amerikanischen Wähler über dessen historische Verantwortung. Man sitzt im selbstverschuldeten Trümmerfeld einer gescheiterten Energiewende, zahlt weltweit die höchsten Strompreise und fühlt sich dennoch berufen, den Bürgern in Ohio, Pennsylvania oder Georgia zu erklären, wie eine zukunftsfähige Wirtschaft auszusehen habe. Diese unerschütterliche deutsche Hybris, die eigene moralische Nabelschau zum Weltmaßstab zu erheben, ist das eigentliche Faszinosum dieser Wahlnacht. Man ergötzt sich an der vermeintlichen Zähmung Trumps, um nicht über die vollkommene Orientierungslosigkeit im Berliner Regierungsviertel nachdenken zu müssen.

In der harten Washingtoner Praxis bedeutet dieser Wahlausgang freilich keineswegs das Ende der politischen Schlammschlacht, sondern lediglich deren institutionelle Institutionalisierung auf Steroiden. Ein demokratisch kontrolliertes Repräsentantenhaus bedeutet vor allem eines: endlose Untersuchungsausschüsse, blockierte Budgetentwürfe, Vorladungen am laufenden Band und einen totalen legislativen Stillstand. Die Vorstellung, dass dieser Kongress plötzlich Milliardenpakete für europäische Sicherheitsgarantien oder Brüsseler Klimaträume durchwinken wird, existiert ausschließlich in den fiebrigen Träumen jener Kommentatoren, die das Kapitol mit einer transatlantischen Wohltätigkeitsstiftung verwechseln. Der US-Kongress dient den Interessen seiner heimischen Wähler, und diese Wähler haben vor allem die Nase voll von galoppierenden Lebenshaltungskosten, offenen Grenzen und endlosen Auslandskriegen, für die der amerikanische Steuerzahler die Zeche prellen soll.

Doch Fakten haben bekanntlich schlechte Karten, wenn sie mit dem wohligen Gefühl moralischer Überlegenheit kollidieren. Die frisch gekürten demokratischen Abgeordneten werden in den deutschen Spätnachrichten bereits als Lichtgestalten gefeiert, als unerschrockene Vorkämpfer gegen das patriarchale Böse. Dass viele dieser Hoffnungsträger ihre Wahlkreise nur hauchdünn mit massiver Unterstützung milliardenschwerer Wall-Street-Spender und dunkler Super-PACs erobert haben, wird geflissentlich verschwiegen. Geld in der Politik ist im deutschen Medienkosmos bekanntlich nur dann verwerflich, wenn es konservativen Kandidaten zugutekommt; fließt es in die Kassen der woken Erweckungsbewegung, verwandelt es sich auf wundersame Weise in reinstes Bürgerengagement zur Rettung der Zivilisation.

Der Kater wird nicht lange auf sich warten lassen. Schon in wenigen Monaten, wenn das neugewählte Parlament die ersten Haushaltsblockaden zelebriert, die Schuldenobergrenze zum Erpressungswerkzeug mutiert und Donald Trump die Blockadehaltung der Demokraten genüsslich als Beweis für den tiefen Staat ausschlachtet, werden dieselben Schreibtisch-Strategen wieder mit offenem Mund dasitzen. Dann wird man in den Leitartikeln der Republik wieder ratlos über die „Unregierbarkeit Amerikas“ klagen, über die „Spaltung der Gesellschaft“ schwadronieren und vergessen haben, dass man genau diesen Zustand noch im November 2026 als strahlenden Sieg der Demokratie bejubelt hat. Es ist der ewige Zyklus der bundesdeutschen Haltungsberichterstattung: Erst die infantile Verklärung, dann das verblüffte Erwachen und am Ende die weinerliche Moralisierung der unausweichlichen Tatsachen.

Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass die Berichterstattung über amerikanische Wahlen in Deutschland längst die Funktion einer kollektiven Psychotherapie übernommen hat. Man projiziert all seine unbewältigten Ängste, seine Ohnmacht gegenüber dem eigenen Niedergang und seine Sehnsucht nach einer Welt ohne Widersprüche auf ein 6.000 Kilometer entferntes Parlament. Die Redakteure feiern ihren pyrrhischen Sieg in Übersee, während ihnen daheim das Fundament unter den Füßen wegbricht. Schlafen Sie also ruhig weiter, werte Kollegen in den Chefetagen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks – die Realität wird sich auch diesmal nicht an Ihre wohlfeilen Regieanweisungen halten.