Man muss der Parteielite der Demokraten in Washington für diese Lehrstunde in angewandter Scheinheiligkeit aufrichtig dankbar sein. Jahrelang predigten die Hohepriester des linksliberalen Moralkartells dem Wahlvolk, dass jede einzelne Stimmabgabe nichts Geringeres sei als die letzte Bastion gegen den unausweichlichen Weltuntergang, die Rettung der westlichen Zivilisation und ein heiliger Kreuzzug gegen den finsteren Populismus. Doch kaum gewinnt die eigene Parteibasis in den Vorwahlen von Michigan die falsche, weil unbequeme Personalie, implodiert das sorgsam gezimmerte Kulissenschieber-Theater mit einem Schlag. Die scheidende Abgeordnete Haley Stevens, bislang Vorzeige-Funktionärin des Parteiestablishments, hat wenige Tage vor den entscheidenden Kongresswahlen kurzerhand den Dolch gezückt und dem eigenen progressiven Senatskandidaten Abdul El-Sayed tief zwischen die Schulterblätter gerammt. Statt des Parteifreundes empfiehlt die Dame nun ganz ungeniert den Republikaner Mike Rogers – eine Volte, die selbst für die an Absurditäten gewöhnte amerikanische Polit-Bühne ein bemerkenswertes Maß an politischer Verkommenheit offenbart.

Wie The American Conservative berichtet, begründete Stevens ihren spektakulären Überlauf mit allerlei salbungsvollem Geschwätz über pragmatische Vernunft und überparteiliche Verantwortung, während in Wahrheit nackte Verachtung für das Votum der eigenen Wählerschaft den Ton angab. Es ist das vertraute Psychogramm einer Parteikaste, die Demokratie immer nur dann für eine fabelhafte Angelegenheit hält, solange das Ergebnis vorher im Hinterzimmer abgesegnet wurde. Verliert man hingegen die Kontrolle über die Delegierten und das Fußvolk wagt es tatsächlich, einen Kandidaten zu küren, der nicht brav nach der Pfeife der transatlantischen Rüstungslobby tanzt, wird die viel beschworene Parteidisziplin binnen Sekunden zur Makulatur erklärt. Plötzlich ist der republikanische Erzrivale Rogers kein finsterer Wegbereiter des autoritären Untergangs mehr, sondern ein respektabler Ehrenmann, den man flugs zum Retter vor dem eigenen Parteigenossen verklärt.

Hier offenbart sich die fundamentale Lebenslüge einer Nomenklatura, die seit Jahren das Märchen von der großen progressiven Einheitsfront spinnt. In den Parteizentralen am Potomac River bricht regelmäßig die blanke Hysterie aus, sobald gewöhnliche Bürger den wohlfeilen Parteiproporz stören und die herrschenden Pfründe gefährden. Man inszenierte sich monatelang als moralisches Bollwerk gegen jedweden politischen Klassenfeind, veranstaltete Spendengalas mit Champagner im Überfluss und erteilte den Bürgern im krisengeschüttelten Rostgürtel wohlmeinende Lektionen über Toleranz und Zusammenhalt. Doch kaum droht ein Mandatsträger ins Parlament einzuziehen, der die Parteifürsten tatsächlich beim Wort nehmen könnte, wirft die Washingtoner Nomenklatura sämtliche hehren Ideale über Bord. Man paktiert lieber mit dem erklärten Klassenfeind der Grand Old Party, als der eigenen rebellischen Wählerschaft auch nur einen Millimeter echten politischen Einfluss zu zugestehen.

Besonders köstlich gerät in solchen Momenten das hysterische Betroffenheitsgehabe der hiesigen Hofberichterstatter in den Redaktionsstuben von ARD, ZDF und den Leitartiklern der sogenannten Qualitätspresse. Jene journalistischen Wachkomapatienten, die sonst jede Wahlniederlage eines Demokraten mit tränenreicher Trauermusik untermalen und jede innerparteiliche Kritik bei den Republikanern als unumkehrbaren Bürgerkrieg diagnostizieren, vollziehen bei Stevens’ Amoklauf atemberaubende mentale Verrenkungen. Plötzlich ist der offene Verrat kein Sabotageakt gegen die eigene Wählerschaft, sondern wird von den wohlfeilen Kommentatoren als „mutiges Signal der Mitte“, als „staatsmännische Reife“ und „Abwehr radikaler Tendenzen“ schöngeredet. Man muss diese publizistische Akrobatik fast bewundern: Dieselben Schreiberlinge, die jeden Widerspruch gegen das Parteiestablishment reflexhaft zum Extremismus erklären, verkaufen den schamlosen Bruch des Wählerwillens nun als Ausweis gelebter Zivilcourage. Es ist die altbekannte journalistische Doppelnorm, bei der Verrat immer dann zur Heldentat geadelt wird, wenn er den richtigen Interessen dient.

Auch jenseits des Atlantiks schlägt das Manöver hohe Wellen, wie der ORF analysiert, wo der offene Machtkampf in Michigan die ohnehin fragile Statik der US-Zwischenwahlen nachhaltig erschüttert. Die Wähler im industriellen Kernland Amerikas, geplagt von erdrückender Inflation, Werksschließungen und den ruinösen Folgen einer verfehlten Wirtschaftspolitik, dürfen nun fassungslos dabei zusehen, wie sich ihre Repräsentanten gegenseitig zerfleischen. Anstatt auch nur einen einzigen brauchbaren Gedanken an bezahlbare Energie, bröckelnde Brücken oder die verarmte Arbeiterschaft zu verschwenden, exekutieren die Apparatschiks ihre persönlichen Rachefeldzüge auf offener Bühne. Stevens hat mit ihrer Sabotageaktion unmissverständlich klargestellt, worum es im Washingtoner Regierungsbetrieb tatsächlich geht: nicht um das Wohl des Gemeinwesens, sondern um den unbedingten Machterhalt einer korrumpierten Führungsclique, die lieber das gesamte Haus in Brand steckt, als den Schlüssel an die eigene Nachbarschaft abzugeben.

Die Verlogenheit erreicht ihren Höhepunkt in der schamlosen Selbstgerechtigkeit, mit der dieser Parteiverrat zelebriert wird. Jahrelang wurden Wähler mit der Behauptung erpresst, jede Stimme für Dritte oder ein Zögern an der Urne sei Verrat an den demokratischen Institutionen. Wer Stevens und ihren Zirkeln die Treue verweigerte, wurde als politischer Ketzer gebrandmarkt. Nun aber demonstriert die Parteiprominenz höchstselbst, was sie von diesen erhabenen Dogmen hält: rein gar nichts, sobald der eigene Vorteil flöten geht. Das ist kein politischer Unfall, sondern das Wesen eines Systems, das an seiner eigenen moralischen Verfettung erstickt. Man fordert vom Wähler kadavergehorsame Gefolgschaft, bricht aber beim ersten Anzeichen von Machtverlust jedes gegebene Versprechen mit einem zynischen Lächeln.

Am Ende bleibt von den theatralischen Wahlkampfparolen des Washingtoner Establishments nichts übrig als die Trümmer ihrer eigenen Glaubwürdigkeit. Der erbitterte Bruderkrieg im Rostgürtel markiert keinen bedauerlichen Einzelfall, sondern den Schlusspunkt einer politischen Farce, in der die Fassade der moralischen Überlegenheit endgültig in sich zusammengekracht ist. Wenn Parteisoldaten lieber den politischen Gegner an die Hebel der Macht hieven, als die Entscheidung ihrer eigenen Basis zu akzeptieren, dann hat das mit Repräsentation nicht mehr das Geringste zu tun. Es ist der nackte, ungeschminkte Bankrott einer abgehobenen Funktionärskaste, die in ihrer maßlosen Arroganz nicht einmal mehr bemerkt, wie gründlich sie sich vor den Augen der Bürger selbst entzaubert hat.