Man muss sich diese Szene auf der Zunge zergehen lassen, um die ganze groteske Pracht der europäischen Selbstverzwergung zu begreifen. Monatelang, ach was, jahrelang haben sich die Spitzenbeamten in den Brüsseler Amtsstuben, die Schreibtischgeneräle im Berliner Regierungsviertel und die ewig nervösen Scharfmacher im Baltikum gegenseitig mit kriegerischem Furor überboten. Da wurde im feinen Zwirn die totale Wehrhaftigkeit gepredigt, da wurden Fantasien von weitreichenden Schlägen tief ins gegnerische Hinterland ventiliert, und wer es auch nur wagte, das Wort Diplomatie fehlerfrei auszusprechen, galt im Brüsseler Hofratsmilieu sofort als verdächtiger Abweichler. Man gerierte sich als Speerspitze der freien Welt, als moralische Supermacht im Tarnfleck, die Washington zeigt, wie man Härte demonstriert. Und nun? Nun flattert eine unmissverständliche Order aus Übersee ins Haus. Amerikas Sicherheitsapparat hat die europäischen NATO-Vasallen diskret, aber mit schneidender Kälte zur Ordnung gerufen. Die Ansage aus den Schaltzentralen jenseits des Atlantiks ist so schlicht wie vernichtend: Haltet gefälligst die Füße still und fahrt eure hysterische Rhetorik herunter. Da schau her. Der Herr pfeift, und der Brüsseler Zwergenaufstand erstarrt mitten in der heroischen Pose.

Wie ein aufschlussreicher Bericht von ZeroHedge offenbart, sah sich die US-Führung genötigt, die europäischen Verbündeten ganz offiziell dazu anzuhalten, ihre aggressive Tonlage gegenüber Moskau spürbar abzukühlen. Man muss die Chuzpe dieser Konstellation würdigen. Ausgerechnet jene europäischen Spitzenpolitiker, die ihre eigene Industrie auf dem Altar des transatlantischen Sanktionsfanatismus geopfert haben, werden nun von ihrem eigenen Schutzherrn wie ungezogene Schulbuben gemaßregelt. Es ist die Höchststrafe für eine politische Kaste, die ihre gesamte Existenzberechtigung aus dem blinden Gehorsam gegenüber dem Pentagon bezogen hat. Die Herrschaften in Brüssel haben geglaubt, sie säßen mit am Steuer der Weltpolitik, während sie in Wahrheit nicht einmal den Kofferraum hüten dürfen. Jahrelang hat man in der EU-Kommission so getan, als sei jeder Rüstungsmilliarden-Kredit ein heroischer Schritt zur Weltgeltung, während die eigenen Arsenale leergefegt und die europäischen Staatskassen bis auf die Grundmauern geplündert wurden. Dass Washington nun die Reißleine zieht, geschieht freilich nicht aus plötzlicher Nächstenliebe, sondern aus kaltem strategischem Kalkül: Die US-Planer erkennen, dass die unkontrollierte Eskalationswut ihrer europäischen Statisten die globale Vorherrschaft gefährdet, statt sie zu sichern.

Die Tragödie dieser europäischen Schlafwandler liegt in ihrer chronischen Unfähigkeit, zwischen imperialem Befehl und eigener Staatskunst zu unterscheiden. Wer die jüngere Geschichte unvoreingenommen betrachtet, sieht eine endlose Kette von diplomatischen Sabotageakten, die von europäischen Spitzenkräften nicht nur mitgetragen, sondern frenetisch bejubelt wurden. Eine detaillierte Analyse des Magazins The American Conservative zeichnet schonungslos nach, wie wiederholt greifbare Chancen auf einen Verhandlungsfrieden zertreten wurden, weil westliche Falken sich in den Wahn hineinsteigerten, einen totalen Sieg auf dem Schlachtfeld erzwingen zu können. Europa war bei diesem selbstmörderischen Spiel stets der willige Handlanger. Man hat funktionierende Wirtschaftskreisläufe zerschlagen, billige Pipeline-Energie durch sündhaft teures transatlantisches Fracking-Gas ersetzt und die eigene Wettbewerbsfähigkeit ruiniert, um den Falken in Übersee zu gefallen. Und jetzt, da die Rechnung fällig wird und das geopolitische Kartenhaus in Kiew wankt, bekommen die europäischen Kriegstrommler von ihren Meistern einen Maulkorb verpasst. Man geniert sich halt für gar nichts mehr in den europäischen Hauptstädten, wo man sich gestern noch als Churchill aufgeführt hat und heute kleinlaut die eigenen Manuskripte schwärzen muss.

In der österreichischen Mentalitätsgeschichte kennt man diesen Typus des überambitionierten Untertanen seit Jahrhunderten. Es ist der diensteifrige Kanzleirat, der lauter bellt als der Hofhund des Kaisers, nur um im entscheidenden Moment von den hohen Herrschaften mit einem Fußtritt zur Raison gerufen zu werden, wenn am Verhandlungstisch die wirklichen Geschäfte gemacht werden. Genau diese Schmierenkomödie erleben wir gegenwärtig auf europäischer Bühne. Solange die europäische Hysterie dazu diente, den Kontinent endgültig von eurasischen Rohstoffen abzuschneiden und die wirtschaftliche Abhängigkeit von Washington zu zementieren, klopfte man den Brüsseler Vasallen wohlwollend auf die Schulter. Man ließ die Hofräte gewähren, während sie Sanktionspaket um Sanktionspaket schnürten, die zwar der eigenen Bevölkerung die Kaufkraft raubten, aber das geopolitische Primat der USA festigten. Doch nun, da die Gefahr einer direkten, unkalkulierbaren Konfrontation den transatlantischen Planern zu heiß wird, werden die europäischen Falken schlicht abserviert. Die Hybris der EU-Führung, sich als eigenständiger Akteur zu begreifen, bricht an der harten Realität des imperialen Befehlsstrangs in sich zusammen.

Die Folgen dieses monumentalen Versagens baden freilich nicht die gut dotierten Kommissare oder die Rüstungslobbyisten in den Hauptstädten aus. Der Preis für diese jahrelange außenpolitische Geisterfahrt wird in den Fabrikhallen, in den Werkstätten des Mittelstands und an den Küchentischen der normalen Bürger bezahlt. Während Millionen Europäer unter erdrückenden Energiepreisen ächzen, Reallöhne schmelzen und traditionsreiche Industriezweige still und leise die Flucht nach Asien oder Nordamerika antreten, schwadronierte das Brüsseler Establishment ungerührt von Kriegswirtschaft und gesellschaftlicher Wehrertüchtigung. Die moralische Selbstgefälligkeit, mit der jede vernünftige Mahnung zur Zurückhaltung als Verrat gebrandmarkt wurde, hat eine Schneise der Verwüstung durch die europäische Wirtschaft geschlagen. Man hat für fremde Interessen das Tafelsilber verscherbelt und sich dabei eingebildet, auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen. Nun stehen dieselben Politiker vor den Trümmern ihrer Strategie: wirtschaftlich ausgeblutet, militärisch impotent und von den eigenen Verbündeten vor aller Welt als unberechenbare Risikofaktoren eingestuft.

Was bleibt von der hochtrabenden europäischen Sicherheitsarchitektur, wenn der Vorhang dieser Inszenierung fällt? Es bleibt das bittere Bild einer führungslosen Union, deren Eliten den Kontakt zur Realität vollständig verloren haben. Die Panik in den europäischen Ministerien ist mit Händen zu greifen. Jahrelang hat man den Bürgern eingeredet, dass es keine Alternative zum totalen Konfrontationskurs gebe, dass jeder Zentimeter Diplomatie eine Kapitulation bedeute und dass man die eigene Wirtschaft notfalls bis zur vollständigen Deindustrialisierung opfern müsse. Und nun müssen dieselben Scharfmacher ihren Völkern erklären, warum der große Bruder im Pentagon plötzlich nach Mäßigung verlangt. Die kognitive Dissonanz in den Redaktionsstuben und Parlamentsausschüssen grenzt an Slapstick. Man windet sich, man relativiert, man sucht nach Ausflüchten, um das eigene Totalversagen zu kaschieren. Doch die Wahrheit lässt sich nicht mehr wegmoderieren: Europa hat seine Souveränität nicht verteidigt, sondern leichtfertig verschenkt.

Ein Kontinent, der seine Sicherheitspolitik an die Launen fremder Mächte delegiert und seine Diplomatie durch moralisierende Kraftmeierei ersetzt, hat aufgehört, ein eigenständiges Subjekt der Weltgeschichte zu sein. Das Brüsseler Politbüro und seine willfährigen Regierungen haben Europa zum geopolitischen Manövriermasse degradiert, zum nützlichen Idioten für fremde Großmachtspiele. Wenn die Strategen in Übersee beschließen, dass der Kriegslärm leiser werden muss, dann haben die europäischen Bellizisten zu schweigen – so einfach und erniedrigend funktioniert das transatlantische Vasallentum. Wer keine eigene Strategie besitzt, wird eben Teil der Strategie eines anderen. Die europäischen Falken haben sich ihr eigenes Schandmal gesetzt: Sie haben für fremde Kriege gebellt, die eigene Wirtschaft ruiniert und stehen am Ende da, wie sie es verdienen – gemaßregelt, mundtot gemacht und von der Geschichte gnadenlos vorgeführt.