Man muss der deutschen Kulturpolitik eine gewisse Realsatire von monumentaler Größe zugestehen, denn nirgendwo sonst auf diesem Kontinent wird die Verwandlung von hemmungsloser Selbstgerechtigkeit in pure Dreistigkeit mit derart feierlicher Ernsthaftigkeit zelebriert. Claudia Roth, jene unangefochtene Kaiserin des bunten Schals, der bebenden Unterlippe und der professionellen Herzschmerz-Diplomatie, hat wieder zugeschlagen. Die Frau, die über Jahrzehnte hinweg aus jeder vermeintlichen Kränkung eines beliebigen Minderheitenkollektivs ein weltanschauliches Staatsdrama zimmerte und bei der leisesten Kritik an ihrer Person verlässlich in tiefste existentielle Erschütterung verfiel, teilt nun plötzlich Lektionen in stoischer Gelassenheit aus. Allerdings nicht an die eigene, chronisch hysterische Gefolgschaft in den subventionierten Theaterkantinen und Parteizentralen, sondern an den Zentralrat der Juden in Deutschland. Diesem attestiert die einstige Kulturstaatsministerin nun mit der Nonchalance einer pensionierten Oberlehrerin eine bedauerliche Neigung zum schnellen Beleidigtsein. Man reibt sich verwundert die Augen, kneift sich zur Sicherheit in den Arm und stellt fest: Nein, das ist kein schlechter Scherz aus den Archiven der Titanic, sondern die reale Geisteshaltung des Berliner Polit-Establishments im Spätherbst seiner moralischen Deutungshoheit.

Um die schiere Dimension dieser Groteske zu begreifen, lohnt sich eine schonungslose Rückblende auf jenen denkwürdigen Abend der Berlinale, der als historischer Tiefpunkt deutscher Kulturförderung in die Annalen eingegangen ist. Auf offener Bühne wurden damals unter dem tosenden Applaus eines champagnegeschwängerten Publikums Tiraden abgesondert, die man sonst eher auf den Kundgebungen extremistischer Vorort-Milizen vermutet hätte. Mitten im Saal, gut ausgeleuchtet in der ersten Reihe der staatlichen Ehrengäste: Claudia Roth. Sie klatschte, sie wiegte sich im Rhythmus des gefühlten Widerstands, und als tags darauf der unausweichliche Proteststurm über diese unverhohlene Zurschaustellung von Israelhass hereinbrach, erfand ihr Ministerium eine Entschuldigungsakrobatik, die selbst sowjetische Zensurbehörden vor Neid erblassen ließe. Man ließ allen Ernstes verbreiten, die Staatsministerin habe bei dem gemeinsamen Auftritt eines Duos selbstverständlich nur für den israelischen Filmemacher geklatscht, nicht aber für dessen palästinensischen Kompagnon, der Sekunden zuvor die Vernichtungsrhetorik ins Mikrofon gebrüllt hatte. Eine selektive Akustikklappe im Gehörgang, ein synchronisiertes Split-Screen-Applaudieren: Schon damals zeigte sich die moralische Verwahrlosung einer Szene, die sich ihre Haltung stets passgenau zurechtbiegt, solange das staatliche Fördermittel-Füllhorn nur ungestört weiter über den Köpfen der Gesinnungsfreunde ausgeschüttet wird.

Nun also das larmoyante Nachspiel, das die tatsächliche Hybris dieser Kaste schonungslos offenlegt. In einem bemerkenswerten Bericht der Welt rekapituliert Roth ihr damaliges Agieren und beklagt allen Ernstes den ungeheuren Druck, den der Zentralrat der Juden damals auf sie ausgeübt habe. Wer erwartet hätte, dass die Dame im Rückblick wenigstens den Hauch von Scham oder diplomatischer Reue erkennen ließe, sieht sich gründlich getäuscht. Stattdessen schlägt die ehemalige Grünen-Chefin im gewohnten Furor um sich und wirft den Vertretern der jüdischen Gemeinschaft vor, schlicht überempfindlich reagiert zu haben. Man muss sich diesen Satz auf der Zunge zergehen lassen: Eine deutsche Politikerin, deren gesamte Karriere darauf fußt, das Land mit Sprachpolizei, Sensibilitätsrichtlinien und Trigger-Warnungen vor vermeintlichen Mikroaggressionen zu überziehen, erklärt jüdischen Bürgern, deren Sicherheitsgefühl nach den Massakern des 7. Oktober in den Grundfesten erschüttert ist, sie sollten sich gefälligst nicht so anstellen. Die Täter-Opfer-Umkehr ist dabei so atemberaubend dreist, dass man fast geneigt wäre, Bewunderung für diesen schamlosen Mangel an Selbstreflexion zu empfinden, wäre das Ganze nicht so brandgefährlich für das zivilisatorische Fundament dieser Republik.

Natürlich darf in diesem bizarren Schauspiel der bewährte Chor der medialen Hofschranzen nicht fehlen. Die journalistischen Begleitkapellen in den öffentlich-rechtlichen Funkhäusern und den ergrauten Edelfeuilletons von Hamburg bis München reagierten auf Roths Entgleisung mit jener routinierten Narkose-Berichterstattung, die stets dann zum Einsatz kommt, wenn das eigene Milieu beim Ausrutschen auf der moralischen Seife ertappt wird. Wo bei jedem konservativen Kommunalpolitiker, der versehentlich ein falsches Pronomen verwendet, sofort die Generalmobilmachung des antifaschistischen Schutzwalls mit Sondersendungen und Brennpunkten ausgerufen wird, herrscht bei Roths antisemitismusvergessener Pöbelei vornehme Milde. Mit verständnisinnigem Nicken paraphrasieren die Kulturkorrespondenten der Qualitätspresse die Auslassungen der Ex-Ministerin als mutigen Beitrag zur Debattenkultur und differenzierte Aufarbeitung eines komplexen Vorgangs. Man lobt ihre Standhaftigkeit gegen angebliche Vorverurteilungen, dichtet ihre eklatante Weigerung, Verantwortung zu übernehmen, zur heroischen Standhaftigkeit gegen den Konsens um und verpackt die pure Ignoranz in wattierte Floskeln über die notwendige Ambivalenztoleranz im Kunstbetrieb. Diese publizistische Schutzstaffel beweist einmal mehr, dass man im Berliner Regierungsviertel alles sagen und jedes Tabu zertrampeln darf, solange man das richtige Parteibuch in der Tasche trägt und die Lippenbekenntnisse zum Weltoffenheits-Kult laut genug vor sich herträgt.

Hier offenbart sich der fundamentale Doppelstandard des postkolonialen Tugendterrors, der die bundesdeutsche Kulturlandschaft wie ein Mehltau überzieht. Wenn an den Universitäten oder auf Literaturfestivals harmlose Dozenten gecancelt werden, weil sie es wagten, die Reinheit der woken Identitätslehre zu hinterfragen, sprechen dieselben Akteure mit zittriger Stimme vom Schutz vulnerabler Räume und der unantastbaren Würde des persönlichen Empfindens. Geht es jedoch um handfesten, unverblümten Antisemitismus, der sich unter dem bequemen Deckmantel der Kunstfreiheit und der sogenannten Israelkritik breitgemacht hat, verflüchtigt sich diese hochgerüstete Sensibilität in Sekundenschnelle. Plötzlich gilt jede jüdische Klage über offene Hetze und Bedrohung als unzumutbare Einmischung in den autonomen Raum der Kunstschaffenden, als lästige Störung der subventionierten Selbstbespiegelung. Der Zentralrat wird zur verstockten Institution degradiert, die doch bitte verstehen müsse, dass im goldenen Saal der Kulturfunktionäre andere Gesetze gelten. Dass es dieselben Funktionäre sind, die schon bei der documenta in Kassel beide Augen fest zudrückten, als dort judenfeindliche Karikaturen im Stürmer-Stil an den Wänden hingen, fügt sich nahtlos in das Bild einer institutionalisierten Gleichgültigkeit.

Dieser Skandal ist kein bedauerlicher Einzelfall und keine verbale Entgleisung im Eifer des Gefechts, sondern die logische Konsequenz eines Systems, das politische Haltung über fachliche Integrität und moralische Phrasen über elementaren Anstand gestellt hat. Über Jahre hinweg wurde der bundeseigene Kulturetat als gigantischer Selbstbedienungsladen für ideologische Klientelpolitik missbraucht, bei dem nicht mehr die künstlerische Brillanz zählte, sondern die lückenlose Unterwerfung unter das herrschende Dogma. Roth war dabei stets die Personifizierung dieses Niedergangs: eine Funktionärin ohne jegliches Gespür für diplomatische Eleganz, getrieben von einem narzisstischen Drang zur Dauerpräsenz und einer unerschütterlichen Überzeugung von der eigenen moralischen Unfehlbarkeit. Wer die Kultur eines Landes zur bloßen Bühne für die eigene Profilierung degradiert, darf sich nicht wundern, wenn am Ende nichts weiter übrig bleibt als eine Trümmerlandschaft aus Vertrauensverlust, Zynismus und der offenen Verhöhnung jener, die unter diesem postulierten Kulturkampf tagtäglich zu leiden haben.

Am Ende dieses Schauspiels steht eine unerbittliche Erkenntnis über den Zustand der politischen Eliten im Lande. Claudia Roth wird auch diese Affäre mit jener unnachahmlichen Mischung aus Wehleidigkeit und Arroganz aussitzen, die ihre gesamte Biografie prägt, während ihre medialen Claqueure ihr längst wieder den Teppich für den nächsten Talkshow-Auftritt ausrollen. Doch die Maske der universellen Menschenfreundin ist längst unwiderruflich zerbrochen. Wer der jüdischen Gemeinschaft angesichts manifester Bedrohungen Wehleidigkeit unterstellt, hat nicht nur jede moralische Autorität verspielt, sondern das eigentliche Wesen des politischen Anstands verraten. Es bleibt das Bild einer verbitterten Kulturfürstin a. D., die in ihrer selbstgerechten Isolation nicht begreifen kann, dass die Welt außerhalb ihres Berliner Elfenbeinturms ihre Krokodilstränen längst durchschaut hat. Ein Lehrstück über den Zerfall der bürgerlichen Mitte, serviert auf dem Silbertablett staatlicher Arroganz.