Es ist mal wieder so weit in der deutschen Hauptstadt, jener liebgewonnenen Herberge des administrativen Wahnsinns, wo Steuergelder im Stundentakt den Bach runtergehen und Politiker mit der mietzekatzenhaften Eleganz eines ertrinkenden Elefanten über die Zukunft des Landes philosophieren. Nach den jüngsten Wahlen blickt der geneigte Beobachter auf ein Schauspiel, das an Absurdität kaum zu überbieten ist. Da wird gewarnt, gezankt und taktiert, als hinge das Schicksal der westlichen Zivilisation an der Frage, ob eine linke Gruppierung nun mit den Grünen ins Bett steigt oder ob man sich in einer grotesken Fünfer-Runde gegenseitig die Taschen vollzählt. Wie Deutschlandfunk kürzlich berichtete, überschlagen sich die honorigen Parteisoldaten regelmässig in Warnungen vor den jeweils anderen Extremen, während sie im Hinterzimmer längst an den Pfründen der Macht basteln.

Besonders amüsant ist hierbei die Rolle jener medialen Hofberichterstatter, die tagein, tagaus nichts Besseres zu tun haben, als diesen jämmerlichen Eiertanz der Berliner Polit-Eliten mit der akribischen Andacht eines mittelalterlichen Hofastrologen zu deuten. Da wird aus jeder winzigen Indiskretion im Koalitionsgeschehen ein staatsmännisches Drama gestrickt, da werden die abgenutztesten Phrasen von Verantwortung und demokratischer Mitte durch den Fleischwolf gedreht, bis auch der letzte naive Gebührenzahler glaubt, hier würde gerade die Freiheitsstatue vor dem Untergang gerettet. Es ist die hohe Kunst des weichgespülten Schönredens, bei der die Journaille den Akteuren jeden offenkundigen Wortbruch als strategische Meisterleistung verkauft und die absolute Inkompetenz der Protagonisten in ein edles Ringen um den besten Kompromiss umdichtet. Wenn der politische Mainstream mal wieder kollektiv auf dem Schlauch steht, springen ihm die schreibenden und sendenden Vasallen sofort zur Seite, um das kollektive Versagen mit einer Extraportion wohlklingender Betroffenheitsrhetorik zu kaschieren.

Währenddessen verstricken sich die Akteure in immer neue Widersprüche, die an Realsatire grenzen. Da fordert man plötzlich lautstark diabolische Brandmauern und gleiche Massstäbe für alle politischen Ränder, vergisst dabei aber völlig, dass der eigene Stall längst nach faulem Kompromiss und moralischer Verwahrlosung riecht. Wie die Welt in einer aktuellen Analyse darlegt, geraten selbst prominente Figuren wie Ministerpräsident Özdemir in Erklärungsnot, wenn sie mahnend den Zeigefinger erheben und verlangen, bei radikalen Parteien endlich unerbittliche Massstäbe anzulegen – nur um im nächsten Moment über Hinterzimmer-Deals nachzudenken, die das genaue Gegenteil bewirken. Es ist ein verlogenes Theater der Eitelkeiten, bei dem die Prinzipien so schnell gewechselt werden wie die Unterwäsche auf einer Klassenfahrt.

Das eigentliche Trauerspiel dieses Berliner Politspektakels ist jedoch die vollkommene Entkopplung von den Sorgen der realen Bevölkerung. Während die Honoratioren in ihren klimatisierten Altbau-Büros tagelang darüber streiten, wer welchen Versorgungsposten besetzt und welche Quotenfrau das nächste unnütze Amt bekleiden darf, bricht im Land die Infrastruktur zusammen, explodieren die Abgaben und stöhnt der Mittelstand unter einer erdrückenden Last aus Bürokratie und Bevormundung. Doch von all dem will man im Epizentrum der Selbstbeweihräucherung natürlich nichts wissen. Da wird lieber der zwanzigste Arbeitskreis zur Rettung des Weltklimas oder zur Bekämpfung des Rächers der Enterbten einberufen, während das eigene Bundesland im administrativen Stillstand versinkt.

Am Ende bleibt die bittere Erkenntnis, dass diese Republik von einer Kaste regiert wird, deren grösste Sorge nicht etwa das Wohl des Bürgers ist, sondern der nahtlose Erhalt des eigenen Wohlstands auf Kosten der Allgemeinheit. Man redet sich die Welt schön, solange die Diäten pünktlich überwiesen werden und die Talkshows verlässlich mit den immergleichen Gesichtern besetzt sind. Es ist ein geschlossenes System der gegenseitigen Absicherung, das jeden echten Reformwillen im Keim erstickt. Wenn der Karren endgültig im Dreck feststeckt, wird man schlicht die Steuern erhöhen und so tun, als sei das der einzig gangbare Weg zur Errettung des Planeten.