Man muss sich das Schaupiel auf dem diplomatischen Parkett einmal ganz unvoreingenommen vor Augen führen, bevor man in jenes reflexhafte Raunen verfällt, das in den Chefetagen unserer allseits geschätzten Qualitätspresse augenblicklich als tiefe geopolitische Analyse verkauft wird. Da rollt der vermeintliche Erzdämon des freien Westens, der Chef des amerikanischen Imperiums, den roten Teppich direkt bis auf das Rollfeld aus, um den mäkelsüchtigen Autokraten aus Peking mit militärischer Ehre zu empfangen. Wie Politico Europe im Berlin Playbook Podcast analysiert, stehen beim Gipfeltreffen zwischen Donald Trump und Xi Jinping nicht weniger als die Grundfesten der globalen Architektur auf dem Spiel, während im Hintergrund die KI-Entwicklung und die Handelsströme heißlaufen. Doch wer nun dachte, hier treffe eiserne Härte auf unerbittliche Prinzipien, verwechselt die Realpolitik offenkundig mit einer moralinsauren Netflix-Serie aus dem Berliner Regierungsviertel.

Es ist doch eine herrlich verlogene Choreografie, die uns da geboten wird. Auf der einen Seite tremolieren unsere hiesigen Hofberichterstatter in den Tagesschau-Hauptausgaben und feierlichen Leitartikeln gebetsmühlenartig von der unumstößlichen Zeitenwende, dem drohenden Systemkonflikt und der heiligen Pflicht, sich von den östlichen Rohstoff- und Technologiemärkten abzukoppeln. Auf der anderen Seite reisen westliche Wirtschaftsdelegationen im Minutentakt nach Fernost, während die wahren Herren der Welt im Oval Office Kaffeekränzchen abhalten und über Milliardenpakete feilschen. Das peinliche Schönreden durch die publizistischen Edel-Statisten im Mainstream nimmt dabei längst groteske Züge an: Jede noch so banale Geste der realpolitischen Anatzung wird von den heimischen Erklärbären als genialer Schachzug gedeutet, während die eigenen Bürger mit den Händen in den leeren Taschen dastehen und zusehen dürfen, wie ihre mühsam erarbeiteten Steuern in den internationalen Abflussrinnen versickern.

Wie The Guardian berichtet, wird Xi Jinping im Weißen Haus mit dem vollen Programm empfangen, und das ausgerechnet trotz jener anhaltenden Spannungen um die Vorherrschaft bei Künstlicher Intelligenz, die angeblich die Existenz der freien Welt bedrohen sollen. Man reibt sich verwundert die Augen. Da wird jahrelang der digitale Kalte Krieg ausgerufen, es werden Exportverbote verhängt, und Sanktionen erlassen, dass die Schwarte kracht – und wenn sich die beiden Alphatiere dann leibhaftig gegenüberstehen, klopft man sich jovial auf die Schultern und verhandelt über den nächsten großen Deal. Der ganz normale Wahnsinn der Weltpolitik, in dem moralische Entrüstung eben nur so lange im Kurs steht, wie sie sich quotenträchtig vermarkten lässt oder als fadenscheinige Ausrede für die eigene wirtschaftliche Inkompetenz dient.

Natürlich darf in diesem konzertierten Reigen der Heuchelei auch die europäische Perspektive nicht fehlen, oder besser gesagt: das jämmerliche Warten an der Seitenlinie. Während Washington und Peking die wahren Pflöcke einschlagen, sitzen die Brüsseler Bürokraten in ihren klimatisierten Glaspalast-Bunkern und zerbrechen sich den Kopf darüber, ob man den chinesischen Konsumgütern nicht vielleicht mit einer neuen, hochkomplizierten DIN-Norm den Zahn ziehen könnte. Man drückt sich vor jeder realen Entscheidung und kaschiert die eigene geopolitische Bedeutungslosigkeit mit prallen Broschüren über grüne Transformation und digitale Souveränität. Es ist die pure Angst vor der eigenen Courage, die das geeinte Europa zu einem zahnlosen Tiger in der Arena der Großen macht.

Es ist doch faszinierend zu beobachten, mit welcher Ausdauer das politische Establishment in unseren Breiten so tut, als ließen sich globale Machtverschiebungen durch das pure Aufstellen von Verbotsschildern und das Verlesen moralischer Brandbriefe aufhalten. Wer in Berlin oder Brüssel ernsthaft glaubt, man könne eine Weltmacht wie China durch die ständige Wiederholung des Wortes 'Wertepartnerschaft' beeindrucken, hat nicht nur den Schuss nicht gehört, sondern verwechselt den Bundestag mit einem überdimensionierten Stuhlkreis der örtlichen Volkshochschule. Da wird lieber über die Formulierung von Anträgen gestritten, als zur Kenntnis zu nehmen, dass der Globale Süden längst Fakten schafft.

Am Ende bleibt die bittere Erkenntnis, dass das große Welttheater ohne uns stattfindet, während unsere hiesigen Polit-Darsteller unermüdlich versuchen, ihrem Publikum das Pfeifen im Walde als strategische Meisterleistung zu verkaufen. Die roten Teppiche dieser Welt sind eben nicht für jene ausgerollt, die den Mund voller moralischer Binsenweisheiten haben, sondern für jene, die wissen, wie man Macht ausübt, ohne sich vorher von einer grünen Jugendorganisation das Parteibuch absegnen zu lassen. So dreht sich die Erde weiter, während unsere Medien-Avantgarde den Abgesang auf die Realität probt.