Es gibt Momente in der bundesdeutschen Geistesgeschichte, da möchte man den Fernseher mitsamt dem heimischen Wohnzimmer in den nächsten Schredder werfen, nur um dem intellektuellen Offenbarungseid zu entkommen, der sich tagtäglich über das Land ergießt. Da betritt ein Unterhalter die große politische Bühne, dessen grösster historischer Verdienst bisher darin bestand, als Horst Schlämmer im Trenchcoat durch Grevenbroich zu wackeln oder als Hannemann verkleidet Zirkusäffchen zu mimen. Doch wer braucht schon diplomatisches Fingerspitzengefühl oder historischen Sachverstand, wenn er das moralische Megafon fest im Griff hat? Nun hat sich Hape Kerkeling mit einer Verve zu Wort gemeldet, die jeden studierten Historiker vor Schmerz aufschreien lässt, wie ein Beitrag der Zeit zur politischen Debatte eindrücklich darlegt. Man fordert heute eben kein Parteiverbot mehr auf Basis von Akten und Juristerei, sondern man macht das ganz nonchalant über die Schiene der Betroffenheitsrhetorik, garniert mit einer Portion historischer Maßlosigkeit, die ihresgleichen sucht.

Besonders absurd wird die Kakophonie, wenn man sich die sprachlichen Entgleisungen des Mannes anschaut, der einst die Republik mit Kunstfiguren beglückte und nun meint, das ganz grosse Geschütz der NS-Vergangenheit auffahren zu müssen. In einer schäbigen Demontage jeglichen historischen Augenmasses liess er sich zu der Bemerkung hinreissen, dass bei der AfD unter Umständen sogar Buchenwald möglich sei, wie diverse Berichte von Welt Online über die Aussagen zur Partei dokumentieren. Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen: Das Konzentrationslager Buchenwald, der Ort industriellen Mordens und unvorstellbaren Leidens, wird von einem Comedian als hohles Argumentationsvehikel missbraucht, um gegen den politischen Mitbewerber zu wettern. Genau jene Leute, die sonst bei jeder sich bietenden Gelegenheit vor einer Verharmlosung des Nationalsozialismus warnen, betreiben hier die infantile Relativierung der NS-Verbrechen in Reinkultur, wie eine scharfe Analyse von Focus Online zu den Verharmlosungsvorwürfen treffend seziert. Wenn die historische Einzigartigkeit des Holocausts für den schnellen politischen Effekt im Bierzelt-Stil geopfert wird, dann ist die Grenze des erträglichen Zynismus längst überschritten.

Und als wäre diese intellektuelle Geisterbahnfahrt noch nicht genug des Guten, schickt sich eine verblendete Öffentlichkeit an, dem Meister der leichten Muse gleich das höchste Staatsamt anzutragen. Da träumen wahnwitzige Kreise ernsthaft davon, den Entertainer zum Bundespräsidenten zu küren, weil man im woken Biotop offenbar der Ansicht ist, dass eine solide Ausbildung in Grimassen-Schneiden die beste Qualifikation für das Schloss Bellevue darstellt. Eine beachtliche Anhängerschaft versammelt sich hinter dieser fixen Idee, wie es in einer Meldung der Augsburger Allgemeine über die Präsidentschaftskampagne heisst. Fast 150 000 Unterzeichner finden diesen Einfall offenbar famos – man fragt sich unwillkürlich, ob hier ein verspätetes Sommerloch oder schlicht der kollektive Realitätsverlust regiert. Wenn der Staat zum Tollhaus wird, in dem Clowns nach der Krone greifen, dann hilft keine Brandmauer mehr, sondern nur noch Galgenhumor.

Natürlich darf man an dieser Stelle die treuen Hofberichterstatter der Republik nicht unerwähnt lassen, die sich wie dressierte Pudel darauf stürzen, jede intellektuelle Entgleisung ihres Lieblingspromis mit der Lizenz zum Weltverbessern auszustatten. Während kritische Geister ob solcher historischen Entgleisungen fassungslos den Kopf schütteln, überschlagen sich die Mainstream-Medien in patethischen Lobeshymnen und verkaufen den verbalen Rundumschlag als mutigen Akt des zivilen Ungehorsams. Da wird verharmlost, was das Zeug hält, solange es nur gegen die Richtigen geht, und die Schreibtischtäter des gutmenschlichen Journalismus stricken aus jedem unbedachten Klamauk-Satz eine neue Heiligengeschichte. Es ist dieses widergestrige Medientheater, das jede ernsthafte Auseinandersetzung im Keim erstickt und stattdessen eine sterile Wohlfühldiktatur zelebriert, in der der Hofnarr längst den König abgelöst hat.

Wer die dunkelsten Kapitel deutscher Geschichte derart leichtfertig für den aktuellen Tageskampf instrumentalisiert, hat jeglichen Anspruch auf Ernsthaftigkeit verwirkt, lässt aber tief blicken in den Zustand einer verrohten politischen Kultur. Wenn ausgerechnet die moralische Elite des Landes den Begriff des Konzentrationslagers zur billigen rhetorischen Waffe degradiert, stehen wir nicht vor einer Verteidigung der Demokratie, sondern vor ihrer schrittweisen Demontage durch intellektuelle Brandstifter. 

Möge das Schicksal dieses Landes gnädig sein, wenn die grösste Sorge der Untertanen nicht mehr die Realität ist, sondern die Frage, ob der nächste Bundespräsident vielleicht im Kostüm eines ostfriesischen Standesbeamten vereidigt wird.