Es gibt im bundesdeutschen Tollhaus gewisse Gewissheiten, auf die Verlass ist wie auf die nächste Steuererhöhung, und dazu gehört zweifellos die alljährliche Aufregung um den umtriebigsten Rentner der Republik. Wenn der Altkanzler aus Hannover mal wieder den Roten Platz betritt, um dort nicht etwa braunen Spargel zu ernten, sondern dem Kremlherrn zum Wiegenfest zu gratulieren, bricht in den Berliner Parteizentralen zuverlässig die kollektive Schnappatmung aus. Wie die FAZ berichtet, erfuhr Wladimir Putin angeblich erst aus den Medien von der Anwesenheit seines treuen deutschen Freundes, woraufhin er den gastlichen Genossen prompt zu sich nach Hause einlud. Ein rührender Moment der Völkerverständigung, der direkt dem Drehbuch eines drittklassigen Spionagefilms entsprungen sein könnte, wäre er nicht die traurige Realität einer politischen Kaste, die jeden Sinn für Anstand längst an der Garderobe abgegeben hat.
Die Reaktionen unserer gewählten Volksvertreter ließen natürlich nicht lange auf sich warten und übertrafen sich an verlogener Entrüstung. Katrin Göring-Eckardt und diverse andere Granden des parlamentarischen Dauerbetriebs überschlugen sich in den Mikrophonen, um diese Visite als schlichte Schande zu brandmarken. Man ringt nach Worten, man schüttelt demonstrativ den Kopf und tut so, als käme dieser Besuch völlig überraschend, als reise der Mann mit den goldenen Pipeline-Kontakten im Schutze der Dunkelheit und völlig unbemerkt durch das eurasische Steppenland. Wie die Einschätzungen beim Spiegel zeigen, ist das mediale Entsetzen jedoch vor allem eines: eine groteske Inszenierung. Denn wer jahrelang sehenden Auges die Abhängigkeit der deutschen Industrie von russischen Energieträgern zementierte und dabei munter den roten Teppich für die autokratische Herrschaft ausrollte, braucht sich heute über die privaten Einladungen seines Altkanzlers wahrlich nicht zu wundern.
Besonders amüsant ist in diesem Zusammenhang die betroffene Mienenkunst der Hofberichterstatter in den sogenannten Qualitätsmedien, die diesen Skandal gewohnt routiniert in einen moralischen Dauermarsch verwandeln. Da wird mit zitternder Stiftspitze analysiert, ob der Altkanzler nun das Grundgesetz, die transatlantische Wertegemeinschaft oder gleich das Abendland verraten habe, während man geflissentlich verschweigt, dass die gesamte deutsche Energie- und Außenpolitik der letzten zwanzig Jahre auf demselben opportunistischen Fundament ruhte. Die glücklichen Redakteure in den Berliner Redaktionsstuben dürfen sich einmal mehr als die einzig wahren Gralshüter der Demokratie fühlen, indem sie die schmutzige Realität in eine glattgebügelte Moralsatire verpacken, bei der am Ende niemand Verantwortung trägt außer der Mann aus Hannover.
Dabei offenbart der Ausflug an die Moskwa vor allem die völlige intellektuelle Bankrotterklärung der deutschen Sozialdemokratie, die ihren einst stolzen Kanzler längst in ein politisches Kuriositätenkabinett verbann hat, ohne sich jemals ernsthaft mit den eigenen strukturellen Verstrickungen auseinanderzusetzen. Man schickt empörte Pressemitteilungen in die Welt, droht mit Parteiausschlussverfahren, die seit Jahren im Sande verlaufen, und wundert sich klammheimlich, dass die Realität sich einen feuchten Kehricht um die Parteitagsbeschlüsse schert. Wie Medienberichte aus Wien treffend analysieren, steht der deutsche Ex-Regierungschef längst symbolisch für die unheilige Allianz aus Alt-Parteiengunst und östlichen Rohstoffströmen, die sich durch feierliche Brandreden niemals aus der Welt schaffen lässt.
Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass dieser Geburtstagskaffee im Kreml weder eine staatszersprechende Verschwörung noch ein überraschender Betriebsunfall ist, sondern schlicht das passgenaue Finale einer beispiellosen politischen Karriere. Wer den Staat als Selbstbedienungsladen für Wirtschaftslobbyismus begreift, der landet eben irgendwann dort, wo die Torte am dicksten und der Wodka am kältesten ist. Unsere Volksvertreter können sich also weiter echauffieren, fleißig Mikrofonständer halten und so tun, als trügen sie keine Mitschuld am moralischen Ausverkauf der Republik. Die Rechnung für diese Heuchelei präsentieren am Ende ohnehin jene Bürger, die den teuren Zirkel aus verlogener Diplomatie und eiskaltem Egoismus Tag für Tag finanzieren müssen.


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