Es ist schon eine bemerkenswerte intellektuelle Akrobatik, die uns die sogenannte Qualitäts- und Hofberichterstattung täglich serviert. Da stürmen radikale Horden durch die Strassen der Hauptstadt, skandieren Parolen, die an die dunkelsten Kapitel deutscher Geschichte erinnern, und was macht der gebildete Medienmensch? Er zupft sich nachdenklich am Kaschmirschal, setzt ein gequältes Verständnis-Gesicht auf und erklärt der staunenden Öffentlichkeit, dass es sich hierbei doch im Grunde nur um eine etwas unglückliche Artikulation legitimer postkolonialer Frustrationen handle. Wie die Neue Zürcher Zeitung scharf analysiert, erleben wir gerade eine konzertierte Entgleisung der Urteilskraft, bei der offener Judenhass in den Chefetagen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks und der grossen Berliner Tageszeitungen mal eben zu einer verständlichen Meinungsäusserung umetikettiert wird.
Man muss sich diesen moralischen Bankrott einmal auf der Zunge zergehen lassen. Wenn auf offener Strasse „Israel verrecke“ gebrüllt oder die physische Vernichtung eines ganzen Volkes gefordert wird, zucken unsere professionellen Betroffenheits-Journalisten nicht einmal mit der Wimper. Stattdessen dozieren sie in seitenlangen Leitartikeln über die feinen Nuancen des nahöstlichen Diskurses und warnen vor allzu hasty Verurteilungen, während sie gleichzeitig jede noch so harmlose bürgerliche Skepsis gegenüber der staatlichen Bevormundung als staatsgefährdend brandmarken. Diese intellektuelle Tiefstleistung zeugt von einer beispiellosen Verkommenheit, die jeden journalistischen Anstand längst über Bord geworfen hat.
Besonders amüsant, sofern man Sinn für makabren Galgenhumor besitzt, ist die Rolle der sogenannten Experten. Das sind jene Dauergäste in den Polit-Talkshows, die hauptberuflich dafür bezahlt werden, das Offensichtliche mit einem dicken Teppich aus akademischem Geschwafel zu bedecken. Da wird von „strukturellen Kontexten“ gesprochen und von „sozialer Benachteiligung“, während im Hintergrund längst Synagogen unter Polizeischutz stehen und jüdische Mitbürger überlegen, ob sie ihre Kinder noch mit Kippa auf die Strasse schicken können. Die Hofberichterstatter der Mainstream-Medien betätigen sich dabei als willfährige Notare des schleichenden Wahnsinns, indem sie jede noch so absurde Entgleisung durch wohlklingende Relativierungen adeln.
Es ist der Triumph der Feigheit über den Verstand. Wer den Antisemitismus verharmlost, weil er nicht ins eigene weltanschauliche Raster passt oder weil man es sich mit den neuen Klientel-Milieus nicht verscherzen will, entlarvt sich als moralischer Pleitegeier. Da wird mit Engelszungen von Vielfalt und Weltoffenheit gefaselt, während man gleichzeitig den Totengräbern der liberalen Demokratie den roten Teppich ausrollt. Die Heuchelei dieser Klientel ist inzwischen so dick, dass man sie nicht einmal mehr mit einem Vorschlaghammer durchschlagen kann. Sie residieren in ihren gut beheizten Altbauwohnungen, weit weg von den realen Brandherden des alltäglichen Terrors, und diktieren dem Volk, was als tolerierbar zu gelten hat.
Man reibt sich ungläubig die Augen angesichts dieser realitätsfernen Blase, die sich selbst für den moralischen Anker der Nation hält. Jede Kritik an dieser verordneten Blindheit wird sofort mit dem Totschlagargument der Unanständigkeit oder gar des Extremismus beantwortet, während die echten Extremisten längst Hand in Hand mit den Salon-Linken marschieren dürfen. Die Grenze zwischen Anstand und blankem Opportunismus wurde von den Leitmedien längst überschritten, und auf dem Altar des Zeitgeists wird die Urteilsfähigkeit geopfert. Es ist ein Trauerspiel in Endlosschleife, bei dem die Täter zu Opfern und die Kritiker zu Kriminellen gestempelt werden.
Wenn also das nächste Mal ein Talkshow-Gast mit sonorer Stimme erklärt, man müsse die Sorgen der Strasse ernst nehmen, obwohl dort gerade die elementarsten Grundwerte unseres Zusammenlebens zertrümmert werden, dann wissen wir Bescheid. Es ist die Kapitulation des Geistes vor dem Mob, abgesegnet mit dem Stempel der staatlich geprüften Unbedenklichkeit. Die Chronisten dieses Untergangs werden später einmal behaupten, sie hätten von alledem nichts gewusst, während sie heute noch jede verkommene Parole mit dem feinen Pinsel des akademischen Relativismus verschönern. Doch die Realität lässt sich eben nicht dauerhaft wegretuschieren, selbst wenn der letzte Chefredakteur vor lauter Haltungsschwäche das Augenlicht verliert.


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