Im bundesrepublikanischen Tollhaus wünscht man sich zuweilen, die Realität möge endlich die Satire einholen, einfach um den Schmerz zu lindern. Doch die Realität denkt gar nicht daran; sie überholt den schlechten Witz links und rechts auf dem Standstreifen, betätigt die Hupe und winkt freundlich mit der Regenbogenfahne. Da wird in der Berliner Republik neuerdings wieder solidarisiert, dass sich die Holzbalken der Altbauwohnungen biegen. Man schreibt offene Briefe, man schüttelt edle Hände, man bescheinigt sich gegenseitig die unendliche moralische Reinheit, während draußen auf den Straßen der ganz normale Wahnsinn wuchert. Laut einem Bericht der Berliner Zeitung haben sich nun rund 130 prominente Kulturschaffende, darunter gefeierte Internet-Witzbolde und Dauergast-Moralisten, dazu hinreißen lassen, den umstrittenen Neuköllner Linken-Politiker Ferat Koçak medienwirksam in Schutz zu nehmen und ein Ende jeglicher interner Ausschlussverfahren zu fordern. Man schließt die Reihen, wenn es darum geht, die eigenen Pfründe im Biotop der Betroffenheitskultur zu verteidigen.
Natürlich darf in diesem erlesenen Kreis der Selbstvergewisserung auch das nötige mediale Trommelfeuer nicht fehlen, um den unbedarften Untertanen zu erklären, warum jegliche Kritik an diesem woken Biotop schlicht von geistiger Umnachtung zeugt. Wer es wagt, diese elitäre Nabelschau zu hinterfragen, wird von den Hofberichterstattern des öffentlich-rechtlichen und subvensionierten Blätterwalds umgehend in die unterste Schublade einsortiert. Da dozieren Talkshow-Dauergäste und Chefredakteure mit sonorer Grabesstimme über den Zustand der Demokratie, während sie jede echte Auseinandersetzung mit der Realität sorgsam umschiffen. Wie die Welt dokumentiert, lässt man sich zu wahren Wutausbrüchen gegen all jene hinreißen, die nicht im Gleichschritt marschieren wollen, und schmäht Kritiker als geistig schmalbrüstige Figuren. Die erhabenen Kommentatoren der Leitmedien betreiben hierbei ein schöngedankliches Kunststück der Extraklasse: Jede Verirrung des linken Spektrums wird so lange gedreht, gewendet und weichgezeichnet, bis sie als heroischer Widerstand gegen das reaktionäre Abendland glänzt.
Es ist diese eigentümliche Mischung aus Realitätsverweigerung und moralischer Arroganz, die den politischen Diskurs in diesem Land seit Jahren wie ein bleierner Mehltau überzieht. Man redet sich die Welt, wie sie gefällt, solange der eigene Latte Macchiato im Prenzlauer Berg bezahlt ist und die Subventionen pünktlich zum Ersten des Monats auf dem Konto landen. Die Sorgen der Bevölkerung, die sich fernab dieser feinsinnigen Debatten mit explodierenden Lebenshaltungskosten, maroden Schulen und einer ausufernden Parallelgesellschaft herumschlagen muss, werden von den Salon-Linken schlicht als Störfeuer wahrgenommen. Man residiert in schicken Altbauten, philosophiert über die Rettung des Planeten und wundert sich am Wahlabend dann mit infantilem Augenaufschlag, warum das gemeine Wahlvolk den etablierten Parteien kollektiv den Mittelfinger zeigt.
Besonders amüsant – im Sinne von galgenhumoristisch schwer erträglich – ist die Art und Weise, wie hierbei Täter und Opfer permanent im großen Stil rotiert werden. Wer Kritik an radikalen Positionen übt, wird kurzerhand zum brandstifterischen Volksverhetzer erklärt, während diejenigen, die seit Jahren jeden gesellschaftlichen Konsens aufkündigen, als die wahren Säulen des Humanismus gefeiert werden. Es ist ein Tollhaus ohne Notausgang, in dem die Brandmauern gegen den gesunden Menschenverstand längst viel höher gezogen sind als jede parlamentarische Barriere. Da wird die Empörung zur Währung erhoben, und wer die meisten moralischen Bonuspunkte sammelt, darf am Ende das rot-grüne Parteibuch im Triumphzug durch die Republik tragen.
Man reibt sich ungläubig die Augen und fragt sich, wie lange dieses Possenspiel noch gutgehen soll, ohne dass der politische Kessel endgültig explodiert. Die Akteure im Berliner Politik-Betrieb scheinen jedenfalls fest entschlossen, den eingeschlagenen Kurs der Realitätsverweigerung bis zur bitteren Neige durchzuziehen. Da wird lieber noch ein offener Brief verfasst, noch ein runder Tisch zur Rettung der reinen Lehre einberufen und noch eine steuerfinanzierte Kampagne gegen den gesunden Menschenverstand gestartet. Die Republik gleicht zunehmend einem sinkenden Ozeanbarometer, auf dem die Kapitäne so lange Walzer tanzen, bis das Kielwasser die Brücke erreicht. Am Ende bleibt nicht einmal mehr das leise Lächeln der Geschichte, sondern nur noch das schallende Echo einer abgehobenen Kaste, die sich im Angesicht des eigenen Untergangs noch selbst beklatscht.


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