Man muss die Deutschen für ihre Standhaftigkeit bewundern, mit der sie ihre eigene politische Vergangenheit zu verdrängen suchen, als wäre sie ein unangenehmer Fleck auf dem Teppich, den man einfach mit einem schweren Schrank verdeckt. Dass nun laut einer aktuellen Forsa-Umfrage fast jeder zweite Bürger eine Rückkehr Angela Merkels ins höchste Staatsamt für erstrebenswert hält, ist kein Ausdruck von demokratischer Reife, sondern ein klinischer Befund. Es ist das politische Äquivalent zum Stockholm-Syndrom: Das Opfer verliebt sich in seinen Geiselnehmer, weil der Käfig so schön vertraut ist und man sich in der lähmenden Abwesenheit von Fortschritt so wunderbar einrichten konnte. Man sehnt sich nach der Ära des Aussitzens, des verwalteten Stillstands und der sanften Erodierung der ökonomischen Substanz, als wäre es eine goldene Epoche gewesen.

Die sogenannte Qualitätspresse, dieses wundersame Biotop aus Haltungsjournalismus und wohlmeinender Einordnung, feiert diese Umfragewerte natürlich nicht als das, was sie sind – ein Armutszeugnis –, sondern als Beweis für die Sehnsucht nach „Stabilität“. Man schreibt dort mit einer fast schon rührenden Inbrunst über die „Erfahrung“ und die „internationale Reputation“ der ehemaligen Kanzlerin. Es ist ein gymnastischer Kraftakt, wie die Kollegen in den Redaktionsstuben versuchen, die 16 Jahre der strategischen Untätigkeit als weise Staatskunst umzudeuten. Dass das Geschlecht des nächsten Staatsoberhauptes dabei, wie n-tv berichtet, für die meisten Menschen zweitrangig ist, wird dabei als Fortschritt gefeiert, während man den eigentlichen Elefanten im Raum – die verheerende Bilanz der Merkel-Jahre – elegant umschifft.

Wer sich ernsthaft wünscht, dass die Frau, die Deutschland in eine energetische Sackgasse manövriert und die Infrastruktur auf Verschleiß gefahren hat, nun als Bundespräsidentin im Schloss Bellevue residiert, hat offenbar jedes Maß für politische Verantwortung verloren. Es ist das Schicksal eines Landes, das lieber im Gestern schwelgt, als sich den harten Realitäten von morgen zu stellen. Man will keine Visionen, man will keine Erneuerung, man will die beruhigende Stimme der Mutti, die einem erklärt, dass wir das alles schon irgendwie schaffen werden, während das Schiff langsam, aber stetig Schlagseite bekommt. Es ist dieses spezifische deutsche Unbehagen an der Freiheit, das sich hier Bahn bricht: Die Angst vor der Entscheidung, die Sehnsucht nach der alternativlosen Verwaltung.

Schauen wir uns die Hintergründe dieses kollektiven Gedächtnisschwunds genauer an. Eine Gesellschaft, die 16 Jahre lang mit der Methode des „Weiter-so“ sediert wurde, verlernt zwangsläufig den Umgang mit Krisen. Wenn man Probleme nicht löst, sondern sie durch finanzielle Zuwendungen oder rhetorische Nebelkerzen in die Zukunft verschiebt, entsteht eine Illusion von Ruhe. Die Menschen haben sich an diese Ruhe gewöhnt. Sie verwechseln Stagnation mit Stabilität und das Fehlen von Ecken und Kanten mit politischer Souveränität. Dass dieses System der „kleinen Schritte“ und der großen Ausreden uns in eine Lage gebracht hat, in der wir heute nur noch reagieren, statt zu agieren, scheint in der Wahrnehmung der Umfrageteilnehmer keine Rolle zu spielen.

Es ist ein interessantes Phänomen, wie man als Contra 24 bereits analysiert hat, dass ein „Schlossgespenst“ plötzlich wieder als Hoffnungsträger fungiert. Die Deutschen suchen nach einer Vater- oder Mutterfigur, die ihnen die Bürde der Selbstverantwortung abnimmt. Dass Merkel eben diese Bürde durch ihre Politik der Entpolitisierung und der technokratischen Verwalterei erst so schwer gemacht hat, wird dabei vollkommen ausgeblendet. Man möchte den Erschaffer des Problems zum Retter aus der Not krönen. Das ist keine Politik, das ist eine psychologische Fehlleistung von nationalem Ausmaß.

Die Politik von Angela Merkel steht für:

  • Die Illusion der Alternativlosigkeit als Dauerzustand.
  • Die Verwechslung von Stillstand mit Stabilität.
  • Der Wunsch nach Rückkehr in eine Zeit, die den Grundstein für heutige Probleme legte.
  • Die intellektuelle Kapitulation vor der Notwendigkeit echter Reformen.

Man muss sich fragen, ob eine Demokratie überhaupt überlebensfähig ist, wenn sie ihre eigene Geschichte so konsequent ignoriert. Wenn die Wähler bereit sind, die Architekten des Niedergangs zurück an die Schalthebel der Macht zu rufen, dann ist das kein politischer Fehler mehr, dann ist das ein kulturelles Defizit. Wir reden hier nicht von einer nostalgischen Erinnerung an eine gute Zeit, sondern von einer aktiven Verweigerung der Realität. Die politische Klasse und die Medien stützen dieses Narrativ, weil es bequem ist. Es gibt keine Reibung, keine Debatte, nur das wohlige Gefühl, dass alles so bleibt, wie es war – und zwar völlig egal, wie schlecht das eigentlich war.