Es gibt im politischen Tollhaus Europas jene erhabenen Momente, in denen die publizistische Einöde von einer Nachricht durchgeschüttelt wird wie ein morsches Fachwerkhaus beim Erdbeben. Wenn plötzlich die liebgewonnenen Schubladen klemmen, weil der vermeintliche Bösewicht der Nation das Unvorstellbare wagt und den Kompass neu ausrichtet. So geschehen, als Marine Le Pen und Parteichef Jordan Bardella in aller Öffentlichkeit erklärten, man werde niemals tolerieren, dass eine ausländische Macht die französische Politik diktiere, und sich unmissverständlich von den aggressiven Zielen Moskaus im Ukraine-Krieg distanzierten, wie die Welt in einer ausführlichen Analyse dokumentiert. Eine solche Aussage, getätigt ausgerechnet von jener politischen Ecke, die im hiesigen Mainstream-Quartett sonst routinemäßig als fünfte Kolonne des Kremls besungen wird, führt unweigerlich zu kollektiven Kurzschlüssen in den Schaltzentralen der intellektuellen Komfortzone.

Man reibt sich verwundert die Augen und fragt sich, wie die professionellen Dauererregten nun mit dieser realpolitischen Volte umgehen sollen. Schließlich bricht ihnen hier das feinsäuberlich gezimmerte Weltbild unter dem Hintern weg. Jahrelang war die Formel so wunderbar einfach: Wer nicht stramm im antiken Blockdenken marschiert, muss zwangsläufig ein bezahlter Agent aus dem Osten sein. Nun aber stehen die französischen Rechten da, rufen die nationale Souveränität aus und verwehren sich gegen jede Fremdsteuerung aus Moskau. Für den Durchschnitts-Redakteur unseres Vertrauens, der seine Weltweisheiten sonst morgens frisch temperiert aus dem Ministeriums-Briefing geupdatet bekommt, ist das ein Zustand unerträglicher kognitiver Dissonanz. Wie soll man denn jetzt noch hasserfüllte Leitartikel tippen, wenn die Zielscheibe plötzlich freiwillig das Spielfeld wechselt und sich auf den Boden des klassischen Nationalstaats zurückzieht?

Hier zeigt sich einmal mehr die ganze jämmerliche Komik unserer sogenannten Qualitätspresse, die sich in solchen Momenten als meisterhafte Disziplin darin erweist, die eigene intellektuelle Bankrottserklärung als moralischen Triumph zu verkaufen. Während die Agenturen melden, dass die Distanzierung in Paris unumstößlich ist, versuchen die hiesigen Hofberichterstatter krampfhaft, das Offensichtliche kleinzureden. Da wird von „taktischen Manövern“, „lippenbekenntnishaften Nebelkerzen“ und „raffinierten Täuschungsversuchen“ fabuliert, als gäbe es im Élysée-Palast oder in den Hinterzimmern des Rassemblement National keine anderen Sorgen als die Seelenruhe deutscher Chefredakteure. Es ist dieses peinliche Schönreden durch die publizistischen Hilfstruppen der Macht, die jeden kritischen Journalismus ad absurdum führen. Wenn die Realität nicht ins eigene Raster passt, wird sie solange weichgespült, bis der alte Feind wieder ins Raster passt – koste es an Glaubwürdigkeit, was es wolle.

Die Verzweiflung der Kommentatorenklasse rührt schließlich daher, dass ihnen das Monopol auf die Deutungshoheit entgleitet. Wer jahrzehntelang davon lebte, politische Mitbewerber mit dem Stempel des Landesverrats zu versehen, steht plötzlich nackt im kalten Wind der Tatsachen, wenn diese Mitbewerber staatspolitische Vernunft demonstrieren, während die etablierten Regierungsparteien im eigenen bürokratischen Sumpf versinken. Man klammert sich krampfhaft an die letzten Reste des alten Narrativs, schlägt wild um sich und fordert noch lautstärker härtere Gangarten, getrieben von der panischen Angst, dass die Wähler am Ende merken könnten, wer hier eigentlich den Bezug zur Realität verloren hat. Es ist ein Trauerspiel in mehreren Akten, dargeboten von einer Kaste, die den Schuss längst nicht mehr gehört hat.

Dabei offenbart dieses politische Manöver in Frankreich eine bemerkenswerte strategische Kälte, die man im deutschen Polit-Betrieb längst verlernt hat. Während hierzulande Talkshow-Sesselwärmer in Endlosschleife moralische Notstandsgesetze fordern und jede wirtschaftliche Selbstbeschädigung als heroischen Opfergang zelebrieren, agiert man andernorts mit einem bemerkenswerten Sinn für den Eigennutz der Grande Nation. Man merkt eben, dass die Menschen es satt haben, als Vasallen in fremden Konflikten verheizt zu werden, während im Inland die Infrastruktur zerbröselt und die Bürger unter der Last des eigenen Staates stöhnen. Wenn selbst die oft geschmähte französische Opposition begreift, dass man die eigene Souveränität nicht an ausländische Mächte – welcher Herkunft auch immer – verschachern darf, dann ist das weniger ein Zeichen von plötzlicher Bekehrung als vielmehr von nacktem Überlebenswillen in einer ungemütlich gewordenen Welt.

Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass der europäische Zentralismus und seine treuen Medienknechte vor einem Scherbenhaufen stehen. Sie wollten die Welt in Gut und Böse einteilen, in erleuchtete Eurokraten und finstere Autokraten-Versteher, und müssen nun zusehen, wie ihnen diese schwarz-weiße Spielwiese unter den Händen wegbröckelt. Die Realität lässt sich eben auf Dauer nicht durch mediale Dauerbeschallung und verordnete Denkverbote ersetzen. Möge dieser Anblick all jenen als Mahnung dienen, die glauben, man könne eine Gesellschaft dauerhaft mit ideologischen Scheuklappen regieren, bis am Ende nur noch das dumpfe Echo der eigenen Hybris durch die Redaktionsstuben hallt.