Es gibt in dieser Republik Momente von einer so reinen, ungetrübten Berliner Theatralik, dass man nicht weiß, ob man weinen oder laut auflachen soll. Da wird im Dunstkreis von Spree und Regierungsviertel eifrig in die Hände geklatscht, Verträge werden feierlich unterschrieben und Sektkorken knallen, weil der sogenannte Hauptstadtfinanzierungsvertrag unter Dach und Fach ist. Fast drei Milliarden Euro schwer ist dieses Füllhorn, das in den kommenden Jahren über die Kultureinrichtungen der Bundeshauptstadt ausgeschüttet werden soll. Philharmonie, Staatsoper und Bauhaus-Archiv dürfen sich aufstöhnen lassen vor Glück, während die Steuerzahler im Rest des Landes sich wohl am Kopf kratzen und fragen, ob sie eigentlich im falschen Film gelandet sind. Laut einem Bericht der Berliner Zeitung ist dieser Deal nun besiegelt, der die Finanzierung bis weit in das Jahr 2037 absichert.

Natürlich darf in dieser kakophonen Symphonie des Größenwahnsinns die professionelle Empörung der ständigen Jammerlappen nicht fehlen. Die Grünen, jene unermüdlichen Moralapostel des guten Geschmacks, finden die Summe von knapp drei Milliarden Euro allen Ernstes zu niedrig. Man reibt sich die Augen: Da werden Abermillionen aus dem Steuertopf für Pomp und Gloria verpulvert, und den Kritikern vom linken Rand geht das Portemonnaie nicht weit genug auf. Es ist diese ganz spezielle Berliner Hybris, bei der man den Bezug zur realen Welt längst auf einer sommerlichen Dachterrasse zurückgelassen hat. Während in den Bezirken die Schlaglöcher wachsen, die Verwaltung im analogen Nirwana versauert und Schulen eher an finstere Industrieruinen als an moderne Bildungsstätten erinnern, feiert sich das Polit-Establishment für den Erhalt von Opernhäusern, in denen ohnehin nur das Bildungsbürgertum bei Champagner und Schnittchen über den Zustand der Welt philosophiert.

Die sogenannte Qualitätspresse – jene treusorgenden Hofberichterstatter des Staatsfunks und der großen Leitmedien – überschlägt sich derweil regelrecht bei dem Versuch, dieses finanzielle Desaster als genialen staatsmännischen Erfolg zu verkaufen. Mit einer Hingabe, die an religiösen Eifer grenzt, wird uns erklärt, dass die Kultur der unantastbare Kern unserer Demokratie sei und jede Kritik daran schlichte Kulturfeindlichkeit offenbare. Da wird geschwurbelt und relativiert, dass es eine Art hat. Man kriegt den Eindruck, die Redaktionsstuben hätten sämtliche Rechenschieber verbrannt, um den Lesern weiszumachen, dass drei Milliarden Euro für Opernrettung im Grunde ein echtes Schnäppchen sind. Wer wagt zu fragen, ob man vielleicht erst einmal die Grundlagen des Staatswesens reparieren sollte, bevor man den dritten Flügel der Staatsoper vergoldet, wird sofort in die unterste Schublade des Populismus verfrachtet. Es ist die gewohnte Realitätsverweigerung einer schrumpfenden Elite, die ihre eigenen Spielwiesen mit fremdem Geld gegen jede Kritik immunisieren will.

Man muss sich das Drama auf der Zunge zergehen lassen. In einer Zeit, in der die Wirtschaft stöhnt, die Energiepreise das Rückgrat des Mittelstands brechen und die Staatskassen gähnen vor Leere, gibt es in Berlin offenbar kein drängenderes Problem als die langfristige Subventionierung des elitären Musikbetriebs bis zum Jahr 2037. Das ist keine Politik mehr, das ist eine schlechte Inszenierung an einem Provinztheater, bei der die Hauptdarsteller längst vergessen haben, dass das Publikum längst gegangen ist. Man bedient sich hemmungslos am Portemonnaie der arbeitenden Bevölkerung, um sich selbst ein Denkmal aus Marmor und Notenblättern zu setzen. Die Rechnung dafür zahlen wie immer jene, die morgens um sechs Uhr aufstehen müssen und von all dem Pomp nur die steigenden Abgaben auf dem Lohnzettel sehen.

Es ist diese abgehobene Entkopplung von Ursache und Wirkung, die das Vertrauen in die Institutionen nachhaltig zerstört. Man regiert am Bürger vorbei, man feiert sich in geschlossenen Gesellschaften und wundert sich am Ende des Tages, warum die Ränder erstarken und die Verachtung für den Polit-Apparat ins Unermessliche wächst. Wer den Bogen so weit überspannt, darf sich über das Echo nicht wundern. 

Wie bewerten Sie diesen millionenschweren Kulturpakt, während an allen Ecken und Enden des Landes die Infrastruktur kollabiert? Schreiben Sie uns Ihre Sicht der Dinge in die Kommentare.