Die jüngsten Ereignisse rund um den mysteriösen Drohnenvorfall in Leipzig und die harten diplomatischen Maßnahmen der Bundesregierung markieren einen nie dagewesenen Tiefpunkt im deutsch-russischen Verhältnis. Um Licht in diese brisante Gemengelage zu bringen, hat sich Ben Berndt in seinem Podcast „Ungeskriptet“ den russischen Botschafter Sergej Netschajew an den Tisch geholt. Mit jahrzehntelanger diplomatischer Erfahrung in Deutschland und Österreich blickt Netschajew im Gespräch auf die historische Entwicklung, die schrumpfenden Brücken zwischen den Ländern und die brandgefährliche Zuspitzung der aktuellen Weltlage.

Das Eklat um Leipzig und der Bruch in der Diplomatie

Die Einbestellung des Botschafters ins Auswärtige Amt und die massiven Sanktionen – darunter die Schließung aller fünf russischen Generalkonsulate in kürzester Zeit sowie des Russischen Hauses in Berlin – werden in Moskau als schwerer politischer Fehler gewertet. Im Gespräch mit Ben Bendt betont Netschajew, dass der Vorfall in Leipzig eine durch nichts belegte Provokation sei, die zu drastischen Schritten geführt habe.

„So etwas gab es in der Nachkriegsgeschichte in unseren bilateralen Verhältnissen nicht“, stellt der Botschafter fest. Während die Bundesregierung hart durchgreift, verweist die russische Seite auf jahrzehntelange Partnerschaften, die nun ohne Not zerstört würden. Besonders die extrem knappen Fristen für die Schließung der Konsularstellen treffen auch die hunderttausenden russischsprachigen Bürger in Deutschland hart, die nun vor massiven bürokratischen Problemen stehen.

Von der strategischen Partnerschaft zum Konflikt

Der Blick zurück zeigt das Ausmaß des Vertrauensverlusts. Noch vor wenigen Jahren war Deutschland Russlands wichtigster Handelspartner mit florierendem Warenaustausch, zehntausenden deutschen Unternehmen vor Ort und einem engen wissenschaftlichen sowie kulturellen Austausch.

Auf die Frage von Ben Berndt, wie es zu dieser 180-Grad-Wende kommen konnte, verweist Netschajew auf eine systematische Entfremdung seit den neunziger Jahren. Als Hauptursachen nennt er die kontinuierliche NATO-Osterweiterung entgegen früherer Zusicherungen sowie die Entwicklung der Ukraine zu einem geopolitischen Bollwerk. Den Regierungswechsel im Jahr 2014 bewertet die russische Seite unmissverständlich als westlich unterstützten Staatsstreich.

Droht ein Krieg mit der NATO?

Besonders intensiv beleuchtet das Interview die militärische Dimension. Russland sehe sich in der Ukraine längst nicht mehr nur einem regionalen Gegner gegenüber, sondern führe de facto einen Konflikt mit den Strukturen des westlichen Bündnisses, das Kiew massiv mit Waffen, Geheimdienstdaten und Finanzmitteln unterstützt.

Auf die drängende Frage, ob nach der Lieferung von Langstreckenwaffen nun auch NATO-Stellungen außerhalb der Ukraine zu legitimen Zielen werden könnten, mahnt Netschajew zur Besonnenheit, warnt jedoch eindringlich: Man wolle keinen Krieg mit der NATO und strebe keine Eskalation auf deutschem Boden an. Gleichzeitig betont er aber auch, dass die Geduld Moskaus angesichts der anhaltenden westlichen Waffenlieferungen und der zivilen Opfer nicht grenzenlos sei und die nukleare Doktrin klare Grenzen setzt.

Was braucht es für den Frieden?

Trotz der verhärteten Fronten gibt es laut dem Botschafter diplomatische Auswege. Während man in den Ansätzen der neuen US-Administration realistische Verhandlungen erkennt, fehle in Europa oft der politische Wille zu einem dauerhaften Frieden. Eine provisorische Waffenruhe reiche nicht aus; gefordert seien verbindliche Sicherheitsgarantien und ein Ende der einseitigen Ultimaten.

Botschafter Netschajews abschließendes Statement: "Freundschaft und gute Beziehungen mit Russland, Vertrauen gegenüber Russland, brachte dem deutschen Volke immer positive Entwicklungen und  Ergebnisse. Schlechte Beziehungen brachten beiden Völkern nur Katastrophen und Tragödien."