Es ist ein bemerkenswertes Schauspiel, wenn die Republik plötzlich in finstere Abgründe blickt und feststellt, dass die vermeintlich hochgerüstete Sicherheitsarchitektur unseres Landes auf wackligen Füßen steht. Da fliegen in Nordrhein-Westfalen und Brandenburg nicht etwa die Server des Bundeskanzleramts in die Luft, sondern ganz banal die Kabel von Umspannwerken, und die Verantwortlichen stehen vor dem sprichwörtlichen Scherbenhaufen. Wer nun reflexartig nach Moskau blickt und den Kreml für jede durchtrennte Telefonleitung verantwortlich macht, wird jäh aus seinen geopolitischen Tagträumen gerissen. Denn wie ein hochinteressanter Bericht der Zeit offenbart, tauchte plötzlich ein Bekennerschreiben auf, das den Verdacht in eine völlig andere Richtung lenkt. Da stellt sich doch unweigerlich die Frage, ob wir es hier mit hochprofessionellen Saboteuren oder schlicht mit dem intellektuellen Bodensatz der hiesigen Protestkultur zu tun haben.
Die deutsche Medienlandschaft überschlägt sich derweil in einer Mischung aus Schnappatmung und pflichtschuldiger Krisenrhetorik. Die sogenannte Qualitätspresse versucht krampfhaft, das Ereignis als glorreichen Beleg für die Wachsamkeit des Staates zu verkaufen, während sie gleichzeitig panisch verschweigt, dass ein einzelner Täter mit Seitenschneider und ein bisschen krimineller Energie offenbar das gesamte Rückgrat unserer Stromversorgung lahmlegen kann. Es ist dieses rituelle Pfeifen im Walde, das jeden Beobachter mit intellektuellem Anspruch schmunzeln lässt: Wenn die Wirklichkeit nicht zum staatstragenden Narrativ passt, wird sie eben so lange gebogen, bis der Bürger wieder ruhig schläft. Die Erleichterung darüber, dass es diesmal womöglich kein internationaler Geheimdienst war, der die Lichter ausgeknipst hat, wirkt fast schon rührend, offenbart aber die nackte Panik vor der eigenen Verwundbarkeit.
Besonders die Personjagd auf einen gewissen Daniel V. treibt den hiesigen Kriminalisten den Schweiß auf die Stirn. Dass die Fahndung nach dem Verdächtigen inzwischen intensiv betrieben wird, liest sich in den Boulevardblättern wie ein drittklassiger Kriminalroman, bei dem der Leser schon nach zehn Seiten weiß, wer der Gärtner war. Man fahndet mit Hochdruck, Hubschraubern und dem ganzen Besteck des modernen Überwachungsstaates nach einem Mann, dessen intellektuelles Profil irgendwo zwischen radikaler Selbstdarstellung und dem Verfassen von wirren Brandbriefen zu verortenden ist. Wenn das die Speerspitze des modernen Aufstands gegen die Energie-Infrastruktur sein soll, dann können wir uns beruhigt wieder hinlegen, denn die Revolution frisst hier nicht einmal ihre eigenen Kinder, sondern stolpert vor lauter Dummheit über ihre eigenen Schnürsenkel.
Die schiere Frequenz der Anschlagsserie wirft dabei ein grelles Licht auf den Zustand des Landes, in dem die physische Integrität kritischer Infrastrukturen auf dem Niveau eines schleswig-holsteinischen Schrebergartens rangiert. Wie Recherchen und Analysen zur Anschlagserie eindrücklich belegen, handelt es sich keineswegs um einen isolierten Einzelfall, sondern um eine besorgniserregende Serie, die das Vertrauen in die staatliche Daseinsvorsorge nachhaltig erschüttert. Jeder Hobby-Elektriker mit Werkzeugkasten scheint heutzutage in der Lage zu sein, ganze Regionen ins Mittelalter zurückzuversetzen, während das Innenministerium von Konzepten faselt, die das Papier nicht wert sind, auf dem sie gedruckt wurden. Man darf gespannt sein, ob die Behörden den vermeintlichen Täter dingfest machen können oder ob sich das Ganze am Ende als hanebüchener Hoax entpuppt, der die Inkompetenz der Exekutive noch besser entlarvt als der eigentliche Anschlag.

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