Noch vor wenigen Wochen hätte ein Dieselpreis von drei Euro je Liter nach einem extremen Krisenszenario geklungen. Inzwischen sieht die Ausgangslage anders aus. Am 18. September lag Diesel in Deutschland bereits bei rund 2,47 Euro je Liter, während Super E10 deutlich darunter blieb. In Österreich ist der Abstand noch größer: Dort lag Diesel zuletzt bei rund 2,28 Euro, Super 95 knapp unter zwei Euro. Der Diesel-Aufschlag wächst – und eben darin zeigt sich, wie stark sich der fertige Kraftstoff inzwischen vom Rohölpreis abkoppelt.
Diesel läuft dem Benzin davon
Der Druck sitzt längst nicht mehr nur beim Rohöl. Europas Dieselpreis liegt inzwischen bei rund 210 Dollar je Barrel. In Asien stieg die Raffineriemarge für schwefelarmen Diesel auf mehr als 87 Dollar je Barrel und damit auf einen Rekordwert. Vor der aktuellen Krise lag sie bei rund 22 Dollar. Der Weltmarkt saugt jede frei verfügbare Ladung auf – und genau deshalb kann Diesel weiter steigen, selbst wenn Brent nachgibt.
Damit entsteht eine für Autofahrer unangenehme Lage: Der Ölpreis kann fallen, ohne dass Diesel entsprechend billiger wird. Wenn Raffinerien fehlen, Exportländer Mengen zurückhalten und Spot-Ladungen immer knapper werden, entwickelt der fertige Kraftstoff seinen eigenen Krisenpreis. Und diese Entkopplung zwischen den Rohölpreisen und den Raffineriepreisen ist inzwischen auf dem Markt sichtbar.
Schon der Oktober könnte richtig teuer werden
Ausgerechnet jetzt beginnt eine Phase, in der mehrere Belastungen gleichzeitig zusammenlaufen. US-Raffinerien kommen aus Monaten sehr hoher Auslastung und gehen zunehmend in Wartung, während die Landwirtschaft in Nordamerika große Mengen Diesel für die Ernte benötigt. Gleichzeitig beginnt in Südamerika die Aussaat, und mit fallenden Temperaturen steigt auf der Nordhalbkugel der Heizölbedarf. Diesel und Heizöl greifen dabei auf dieselben Mitteldestillate aus den Raffinerien zu.
Dazu kommen die bestehenden Ausfälle. Russische Raffinerien wurden schwer getroffen, Moskau hält deshalb mehr Kraftstoff im eigenen Land. Auch die Golfstaaten liefern deutlich weniger Diesel als noch vor einigen Monaten. China und andere asiatische Raffinerien springen zwar ein, doch selbst dort ist offen, wie viele zusätzliche Spot-Ladungen im Oktober tatsächlich auf den Markt kommen. Deutschland startet damit bereits bei fast 2,50 Euro in einen schwierigen Monat. Für einen Sprung Richtung 2,70 oder 2,80 Euro braucht es keinen neuen gigantischen Ölpreisschock mehr. Eine weitere Verschärfung beim Diesel-Großhandel reicht.
Die Straße von Hormus bleibt ein Risiko
Auch am Persischen Golf ist von Normalität keine Rede. Saudi-Arabien versucht zusätzliche Rohölmengen über Oman auf den Weltmarkt zu bringen, doch der Verkehr durch die Straße von Hormus bleibt stark eingeschränkt. Lange Umwege, hohe Versicherungsprämien und knappe Tankerkapazitäten treiben die Kosten zusätzlich nach oben.
China versucht zwar, seinen Einfluss auf den Iran zu nutzen und auf eine Beruhigung hinzuwirken. Doch Peking kann die wichtigste Energieroute des Persischen Golfs nicht einfach wieder auf Normalbetrieb schalten. Solange die Straße von Hormus weit unter ihrem früheren Verkehrsvolumen bleibt, hängt ein großer Teil des Weltmarktes an improvisierten Routen und teuren Umleitungen. Und selbst mehr Rohöl aus der Region löst den Dieselengpass nicht sofort. Das Rohöl muss erst verarbeitet werden – und genau dort sitzen die nächsten Engpässe.
Freie Dieselmengen werden knapp
Noch kritischer wird die Frage, wie viel Diesel überhaupt frei auf dem Weltmarkt angeboten wird. Russland hält Mengen zurück, China steuert seine Ausfuhren über staatliche Quoten und erste Staaten drosseln Lieferungen an Nachbarländer, um den eigenen Markt zu schützen. Je länger die Knappheit anhält, desto größer wird der politische Druck, Kraftstoff im eigenen Land zu halten.
Für Europa ist das besonders unangenehm. Der Kontinent hat über Jahre Raffineriekapazität verloren und hängt stärker an Importen. Gleichzeitig wurden mit den Russland-Sanktionen weitere Lieferketten abgeschnitten. Jetzt konkurrieren europäische Käufer mit Afrika, Asien und anderen Importregionen um dieselben Tankerladungen. Die Folge ist einfach: Europa muss mehr zahlen, um Diesel überhaupt noch anzulocken. Und wenn andere Staaten beginnen, ihre Exporte zu begrenzen, schrumpft der frei verfügbare Markt weiter.
Drei Euro sind keine Fantasiezahl mehr
Ein Dieselpreis von drei Euro je Liter bleibt derzeit ein Stressszenario. Doch die Distanz dorthin ist deutlich kleiner geworden. Deutschland steht bereits knapp unter 2,50 Euro. Schon weitere 20 bis 30 Cent bringen den Markt in einen Bereich, der noch vor wenigen Monaten völlig überzogen gewirkt hätte.
Ein Korridor von 2,60 bis 2,90 Euro im Oktober erscheint unter der aktuellen Lage durchaus plausibel. Verschärft sich der Markt weiter, sind im November oder Dezember auch Spitzen über drei Euro denkbar. Dafür braucht es keinen vollständigen Versorgungskollaps. Weitere Raffinerieausfälle, dauerhaft schwache Lieferungen durch die Straße von Hormus und weniger frei verfügbare Spot-Mengen könnten ausreichen.
Österreich dürfte im Durchschnitt etwas niedriger bleiben, doch auch dort spricht vieles für einen kräftigen Diesel-Aufschlag. Werte von 2,40 bis 2,70 Euro im Oktober und bei weiterer Verschärfung darüber liegen inzwischen im Bereich des Möglichen. Der Abstand zu Super 95 dürfte dabei weiter wachsen, wenn der Dieselmarkt enger bleibt als der Benzinmarkt.
Diesel bekommt seinen eigenen Krisenpreis
Der Blick auf Brent reicht damit immer weniger. Entscheidend sind Raffineriekapazitäten, Lagerbestände, Exportbeschränkungen und die Frage, wie viele Tankerladungen überhaupt frei gehandelt werden. Rohöl kann billiger werden, während Diesel weiter steigt.
Genau deshalb ist die Drei-Euro-Marke keine bloße Schreckzahl mehr. Deutschland startet bereits bei fast 2,50 Euro in die heikelste Phase des Jahres, Österreich liegt deutlich über zwei Euro – und die globalen Lieferketten werden eher enger als entspannter. Wenn im Oktober noch ein paar große Ausfälle dazukommen, könnte aus der Drei-Euro-Frage schneller eine Drei-Euro-Rechnung werden.


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