Es gibt im hiesigen Tollhaus des parlamentarischen Regierungsbetriebs gewisse Momente der schieren Erleuchtung, in denen die Kluft zwischen der real existierenden Bevölkerung und ihren hochmütigen Selbstverwaltern in Berlin so greifbar wird wie ein kalter Entzug. Wenn man den jüngsten Meldungen aus den Amtsstuben Glauben schenken darf – und diesbezüglich liefert ein aktueller Bericht des Deutschlandfunks unmissverständliche Fakten –, dann schießt die Zahl der offiziellen Anträge auf Kriegsdienstverweigerung in diesem Jahr in ungeahnte Höhen. Während die honorigen Strategen im Bundestag und in den Ministerien unverdrossen davon fantasieren, das Land kriegstüchtig zu machen, und die Rüstungsspirale mit Milliardenbeträgen füttern, scheint der einfache Bürger von diesem patriotischen Überschwang bemerkenswert wenig zu halten. Man zieht es vor, den Stift zu zücken und den amtlichen Segen zu erbitten, um im Ernstfall eben nicht als Kanonenfutter für irgendwelche geopolitischen Großmachtfantasien herzuhalten.

Natürlich reagiert der hiesige Polit-Betrieb auf diesen massenhaften zivilen Ungehorsam nicht etwa mit Selbstreflexion oder der bescheidenen Einsicht, dass man womöglich auf dem Holzweg ist. Wo kämen wir denn hin, wenn die gewählten Volksvertreter plötzlich auf die Stimmen des Volkes hören würden, anstatt sich von transatlantischen Thinktanks und diversen Rüstungslobbys den Takt vorgeben zu lassen? Stattdessen wird die Realität in gewohnter Manier gebogen, bis sie ins weltfremde Konzept passt. Die harten Zahlen des Bundesamtes für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben werden von den üblichen politischen Akteuren mit einer Mischung aus ignoranter Gelassenheit und rhetorischer Nebelkerzerei bedacht. Man tut so, als handle es sich bei den Tausenden jungen Männern, die den Wehrdienst verweigern, lediglich um eine statistische Randnotiz oder um verirrte Einzelschicksale, die man mit ein paar moralisierenden Broschüren schon wieder auf Linie bringen wird.

Es ist ein wahres Schauspiel der kollektiven Realitätsverweigerung, das uns hier von den treuen Hofberichterstattern der öffentlich-rechtlichen und privaten Mainstream-Medien geboten wird. Wenn ein solcher Trend offenbart wird, der das Fundament der gesamten verordneten Wehrhaftigkeit ins Wanken bringt, überschlagen sich die Schreiberlinge in den Redaktionsstuben regelmässig darin, das Offensichtliche mit der Sanftmut von Vorschul-Pädagogen schönzureden. Da wird dann von "gestiegenem sicherheitspolitischen Diskursbedarf" gefaselt, während in Wahrheit schlicht und ergreifend die nackte Panik vor dem Schützengraben um sich greift. Mit journalistischem Taschenspielertrick wird aus der massenhaften Verweigerung ein rührseliges Zeichen von "intensiver staatsbürgerlicher Debatte" konstruiert – so, als ob sich der junge Mann am Küchentisch stundenlang intellektuell mit Clausewitz auseinandersetzt, bevor er den Antrag einreicht. Diese Form der journalistischen Schönfärberei, die jeden noch so offenkundigen Vertrauensbruch der Bevölkerung in den Staatsapparat in eine höhere Form von Demokratieerziehung umdichtet, grenzt an Realsatire.

Die Verlogenheit dieser Inszenierung offenbart sich besonders dann, wenn man den Blick auf die parallel laufenden Debatten im Parlament lenkt. Während man einerseits zusehen muss, wie die Jugend in beachtlicher Zahl auf Distanz zu den martialischen Ambitionen der Berliner Republik geht, wird an anderer Stelle unverdrossen weitergerüstet. Es werden munter dreistellige Millionen- oder gar Milliardenbeträge in fremde Konflikte gesteckt, während im Inland die Infrastruktur verrottet und der Bürger mit neuen Abgaben malträtiert wird. Wer den Mut besitzt, diese Politik der permanenten Eskalation als das zu benennen, was sie ist – nämlich hochgefährlich und fern jeglicher Realität –, der wird umgehend in die ewiggestrige Ecke gestellt. Die politische Elite hat sich längst in einer Parallelwelt eingerichtet, in der Beschlüsse am grünen Tisch schwerer wiegen als die realen Sorgen und Nöte der Menschen da draußen im Lande.

Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass die hiesige Polit-Klasse ihr eigenes Volk verloren hat. Wenn der Souverän, dessen vermeintlichen Willen man jeden Sonntag in feierlichen Sonntagsreden beschwört, beim ersten ernsthaften Hauch von Konfrontation die Notbremse zieht und den Dienst an der Waffe verweigert, dann nützt auch die lauteste Trompete der Kriegstüchtigkeit nichts mehr. Es ist das leise, aber unerbittliche Echo einer Bevölkerung, die genug hat von der Selbstherrlichkeit der Funktionäre. Man entzieht sich der staatlichen Verzweckung nicht durch laute Barrikadenkämpfe, sondern durch den bürokratischen Akt des Strichs unter dem falschen Formular. Die Panik der Eliten vor diesem stillen Aufstand ist mit Händen zu greifen, auch wenn sie weiterhin krampfhaft versuchen, das sinkende Schiff mit Durchhalteparolen zu fluten. Es bleibt zu hoffen, dass dieser verordnete Realitätsverlust der Berliner Republik bald an den harten Klippen der Vernunft zerschellt, bevor die Zeche endgültig von denen bezahlt werden muss, die schon längst den Rückzug angetreten haben.