Es gibt Tage im bundesdeutschen Tollhaus, an denen man sich unwillkürlich fragt, ob der Verfassungsschutz eigentlich noch das Staatstibendum schützt oder längst heimartig kollektive Beruhigungspillen an das Berliner Regierungsviertel verteilt. Da wählt ein ganz normaler Landtag in den ostdeutschen Weiten – genauer gesagt in Sachsen-Anhalt, wo man sonst eher durch maue Windkraftprognosen und mangelnde LTE-Abdeckung auffällt – einen Abgeordneten der ungeliebten Opposition zum Landtagspräsidenten. Ein Vorgang, der in jeder funktionierenden parlamentarischen Demokratie nach den Buchstaben der Geschäftsordnung exakt so vorgesehen ist wie das Amen in der Kirche. Doch was macht unsere politische und mediale Kaste? Sie verfällt in einen Zustand kollektiver Ekstase, der irgendwo zwischen katholischer Hysterie und der Schnappatmung einer verlassenen Debattierclub-Vorsitzenden rangiert. Wie die Tagesschau gewohnt staatsmännisch analysierte, bricht nun das Abendland ein, weil die parlamentarische Realität es tatsächlich wagte, sich über die moralinsauren Wunschträume der Hauptstadt-Eliten hinwegzusetzen.

Man muss sich das mal auf der Zunge zergehen lassen: Anstatt diesen verfassungskonformen Verwaltungsakt zur Kenntnis zu nehmen und sich vielleicht einmal – Gott bewahre! – kritisch mit der eigenen Entfremdung vom Wähler auseinanderzusetzen, zelebrieren die Eliten ihren ganz persönlichen Untergangstag. Die SPD-Bundestagsfraktion marschierte kurzerhand im spontanen Protestzug durch die Straßen, begleitet von martialischen Hymnengesängen, bei denen selbst der betagteste Parteisoldat im Foyer des Bundestages kurz den Blutdruck messen lassen musste. Wie die Welt in ihrem Liveticker dokumentierte, stimmte kein Geringerer als der amtierende Verteidigungsminister die Nationalhymne an, als gelte es, die Reichskanzlei eigenhändig gegen feindliche Horden zu verteidigen. Diese Leute marschieren nicht gegen Inflation, nicht gegen marode Schulen und nicht gegen die schleichende Deindustrialisierung des Landes – nein, sie marschieren gegen das Grundgesetz, sobald das Wahlergebnis nicht in ihre wohlfeile woke Wohlfühl-Blase passt.

Natürlich stehen die Hofberichterstatter der öffentlich-rechtlichen und edlen Print-Anstalten geschlossen Spalier, um diesen peinlichen Kindergarten mit der gebotenen Ehrfurcht zu ummanteln. Da wird von „einzigartigen Tabubbrüchen“ und „erschütternden Zäsuren“ gefasst, während man die eigenen publizistischen Totalausfälle der letzten Jahre elegant unter den Teppich kehrt. Die feinen Damen und Herren Journalisten, die sonst jede staatliche Bevormundung als alternativlose Sachzwänge verkaufen, spielen hierbei den nützlichen Idioten des Parteibuchs. Mit treuherzigem Augenaufschlag wird uns erklärt, dass Wahlen zwar frei seien, aber bitteschön nur dann Gültigkeit beanspruchen dürfen, wenn am Ende die richtige, vom Mainstream abgesegnete Dreierkonstellation dabei herausspringt. Wenn aber der Wähler den Zettel falsch faltet, dann schreit man so lange Zeter und Mordio, bis auch der letzte Bürger begreift, dass Demokratie in Deutschland vor allem eins ist: eine gut gemeinte Theateraufführung mit fest zugewiesenen Rollen.

Es ist diese perfide Heuchelei, die das ganze Trauerspiel so unerträglich macht. Jahrelang hat man die Institutionen bis zur Unkenntlichkeit verbogen, Posten nach Parteibuch vergeben und kritische Stimmen mit dem Gummiparagrafen des Haltungsjournalismus überzogen. Doch wehe, die unkontrollierte Provinz schickt einen Vertreter auf den Podestplatz, den man in Berlin nicht zum Cocktailabend einladen würde. Dann bricht Panik im Maschinenraum aus. Wie das Schweizer Fernsehen treffend feststellte, offenbart dieser Vorgang vor allem eines: die panische Angst der Etablierten vor dem Kontrollverlust. Wer das eigene Volk verachtet, darf sich eben nicht wundern, wenn das Volk irgendwann aufhört, den geordneten Applaus zu proben.

Und so stehen sie nun da, unsere grandiosen Staatslenker, auf den Stufen des Parlaments, die Faust geballt gegen die parlamentarische Realität. Sie fordern schärfere Brandmauern, neue Überwachungsgesetze und vor allem noch mehr pädagogischen Zeigefinger für die widerspenstigen Untertanen in den ostdeutschen Ländern. Man merkt diesen Herrschaften in jeder Sekunde an, dass sie das Vertrauen in die eigene Überzeugungskraft längst verloren haben und sich nur noch hinter Paragrafen und moralischem Pathos verschanzen können. Der Protestmarsch der Genossen war kein Zeichen von Stärke, sondern das offizielle Trauergeläut für eine politische Klasse, die den Boden unter den Füßen verloren hat.

Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass keine Hymne der Welt und kein noch so empörter Leitartikel das unaufhaltsame Bröckeln dieses dysfunktionalen Parteienstaates aufhalten kann. Wer die Demokratie nur dann liebt, wenn sie ihm den roten Teppich ausrollt, der wird am Ende eben von der Wirklichkeit eingeholt. Magdeburg ist erst der Anfang – und das große Fratzengehämmer in Berlin hat gerade erst begonnen.