Die Europäische Zentralbank hat die politischen Einwände aus dem Berliner Kanzleramt mit einem einzigen Federstrich beiseitegewischt. Mit der aufsichtsrechtlichen Freigabe für die italienische Großbank UniCredit, ihren Anteil an der Frankfurter Commerzbank auf knapp 30 Prozent aufzustocken, vollzieht die Bankenaufsicht in Frankfurt einen folgenschweren Bruch mit der bisherigen industriepolitischen Schutzdoktrin der Bundesrepublik. Was im Brüsseler Technokratenjargon als überfällige Konsolidierung des zersplitterten europäischen Finanzmarktes gefeiert wird, markiert in Wahrheit die feindliche Schleifung des zweitgrößten deutschen Kreditinstituts. Während die geopolitischen Machtzentren in Peking und Washington ihre nationalen Bankenriesen als strategische Waffensysteme zur Durchsetzung industrieller Dominanz formieren, gibt Frankfurt die Kontrolle über die Kreditvergabe an das Rückgrat der eigenen Volkswirtschaft kampflos preis.

Der Coup des Mailänder Finanzarchitekten

Hinter der Operation steht ein kühl kalkulierter Zugriff, den UniCredit-Chef Andrea Orcel über Monate hinweg mit chirurgischer Präzision vorbereitet hat. Orcel, ein an der Wall Street geschulter Übernahmespezialist, nutzte die Unfähigkeit des Bundesfinanzministeriums gnadenlos aus, als der Bund im September seine Restbeteiligung an der Commerzbank unkoordiniert auf den Markt warf. Wie aus einem Bericht der Berliner Zeitung hervorgeht, sicherte sich das italienische Institut über komplexe Finanzderivate und direkte Aktienkäufe rasch den Zugriff auf maßgebliche Anteile, ungeachtet der vehementen Proteste aus Berlin. Das Kanzleramt und die Commerzbank-Führung reagierten mit Entsetzen, sprachen von feindlicher Aggression und unkooperativem Vorgehen. Doch finanzielle Realitäten lassen sich nicht mit moralischer Empörung aufhalten, wenn die regulatorischen Weichen längst gegen die nationalstaatliche Souveränität gestellt sind.

Die Dimension dieses Manövers übersteigt die bloße Fusion zweier Bilanzsummen bei Weitem. UniCredit verfügt mit der HypoVereinsbank bereits über ein massives Standbein im deutschen Markt, das nach der Übernahme im Jahr 2005 sukzessive von München nach Mailand umgeleitet wurde. Strategische Entscheidungen, Kreditvergaberichtlinien und die Risikosteuerung wanderten damals über die Alpen ab. Genau dieses Szenario droht der Commerzbank nun im Großformat. Wenn ein Institut mit einer Bilanzsumme von mehr als 500 Milliarden Euro geschluckt wird, entscheidet künftig kein Vorstand in den Frankfurter Zwillingstürmen mehr über die Kreditlinien des hessischen Maschinenbauers oder des baden-württembergischen Automobilzulieferers, sondern ein mailändisches Direktorium, dessen strategischer Fokus primär der Renditeoptimierung und dem Ausgleich italienischer Staatsrisiken dient.

Das Brüsseler Dogma der europäischen Bankenunion

Die Entscheidung der Aufsichtsbehörde war von langer Hand vorgezeichnet und entlarvt die strukturelle Schwäche des deutschen Modells innerhalb der Eurozone. Laut einem aktuellen Bericht der Tagesschau hat die EZB unter der Präsidentschaft von Christine Lagarde stets klargestellt, dass grenzüberschreitende Fusionen im Euroraum nicht aus politischen Erwägungen blockiert werden dürfen. Die Aufseher des Einheitlichen Aufsichtsmechanismus (SSM) betrachten Banken nicht als Träger nationaler Industrieinteressen, sondern als austauschbare liquide Einheiten in einem theoretischen Binnenmarkt. Dass dieser Binnenmarkt in Krisenzeiten regelmäßig entlang nationaler Haftungsgrenzen zerbricht, wird im Elfenbeinturm der EZB beharrlich ignoriert.

Die Doktrin der Bankenunion verlangt die Schaffung europäischer Megabanken, die angeblich mit JPMorgan Chase oder der Industrial and Commercial Bank of China konkurrieren können. Doch der Preis für dieses Reißbrett-Konstrukt ist enorm. Während US-Großbanken von einer homogenen Fiskal- und Wirtschaftspolitik getragen werden und Pekings Staatsbanken als ausführende Organe der Fünfjahrespläne agieren, ist der Euroraum ein Währungsgebiet ohne gemeinsame Wirtschaftsregierung. Durch die Genehmigung der Übernahme öffnet die EZB das Einlagensicherungssystem und die Kreditkanäle des solidesten europäischen Wirtschaftsraums für Institute, deren Heimatbasis unter der Last einer Staatsverschuldung von über 135 Prozent des Bruttoinlandsprodukts ächzt. Deutsche Spareinlagen werden damit de facto zum Sicherheitspolster für riskante Bankbilanzen im europäischen Süden umfunktioniert.

Ausverkauf des industriellen Nervensystems

Die Commerzbank ist nicht irgendeine Geschäftsbank; sie ist die zentrale Lebensader des deutschen Mittelstands. Nahezu jeder dritte mittelständische Exporteur wickelt seine Handelsfinanzierungen, Wechselkursabsicherungen und Investitionskredite über das Institut am Frankfurter Kaiserplatz ab. Dieser Mittelstand kämpft bereits an mehreren Fronten gleichzeitig: exorbitante Energiepreise, bürokratische Überregulierung und ein dramatischer Nachfrageeinbruch auf den globalen Märkten belasten die Substanz. Wenn in einer solchen Phase der wichtigste Hausbankpartner seine Eigenständigkeit verliert, droht ein massiver Kreditklemmen-Schock.

Internationale Megabanken steuern ihre Engagements nach standardisierten Algorithmen und globalen Renditebenchmarks. Der inhabergeführte Sondermaschinenbauer, der für eine technologische Neuausrichtung jahrelange Durststrecken überbrücken muss, passt selten in die Risikomatrizen eines gesamteuropäischen Bankkonzerns. In Mailand wird man wenig Verständnis dafür aufbringen, margenschwache Kredite an fränkische Gießereien oder westfälische Werkzeugbauer zu vergeben, wenn sich mit Staatsanleihen oder standardisierten Konsumentenkrediten im südlichen Mittelmeerraum schnellere Zinsmargen realisieren lassen. Die feindliche Übernahme der Commerzbank markiert damit einen weiteren Meilenstein der schleichenden Deindustrialisierung Deutschlands. Ein Industrieland, das die Hoheit über sein Kreditsystem abtritt, degradiert sich selbst zum verlängerten Fließband ausländischer Kapitaleigner.

Das Endspiel um das europäische Finanzkapital

Die geostrategische Blindheit der verantwortlichen Politiker in Berlin ist atemberaubend. Während die BRICS-Staaten in Kasan und Moskau mit Hochdruck an autonomen Zahlungssystemen und währungsunabhängigen Abrechnungskorridoren feilen, um sich aus der Abhängigkeit westlicher Finanzstrukturen zu befreien, demontiert Deutschland seine eigenen wirtschaftspolitischen Hebel. Ein handlungsfähiger Nationalstaat benötigt handlungsfähige Hausbanken. Ohne eigene Finanzinstitute von Weltrang ist eine Nation im globalen Geo-Wirtschaftskrieg schutzlos ausgeliefert. Frankreich hat seine Champions wie BNP Paribas und Société Générale stets mit eiserner Hand geschützt; Übernahmeversuche angelsächsischer oder südeuropäischer Adressen wurden im Élysée-Palast stets im Keim erstickt.

In Berlin hingegen dominierte ein naiver Glaube an marktliberale Illusionen, gepaart mit regulatorischer Inkompetenz. Bundesfinanzminister und Kanzler haben sich von einem italienischen Finanzstrategen vorführen lassen, der die institutionellen Schwächen der Bundesrepublik gnadenlos ausnutzte. Wenn die Commerzbank erst vollständig im UniCredit-Konzern aufgegangen ist, wird das deutsche Bankensystem auf ein Rumpfkonstrukt aus Sparkassen und Genossenschaftsbanken reduziert sein – flankiert von einer Deutschen Bank, die sich vorrangig als globaler Investment-Player versteht. Die reale Wertschöpfung des Kontinents verliert damit ihren finanziellen Rückhalt an Spekulanten und Bürokraten, die Systemstabilität mit Konzentration verwechseln. Der finanzielle Schutzwall um das deutsche Industrieherz ist gefallen, und die Zeche für diesen Kontrollverlust wird die Realwirtschaft zahlen.