Der politische Wechsel in Deutschland ist längst kein dumpfes Grollen mehr, sondern ein unaufhaltsamer Sturm, der die etablierten Strukturen in ihren Grundfesten erschüttert. Broder betont im Gespräch, dass die Ostdeutschen den Geruch von Diktatur und billiger parteibuchgetreuer Bindung sofort wittern, da sie dieses System bereits hinter sich haben. Es ist eine historische Lehre, die ihnen im Westen weitgehend abgeht und sie heute zur unbestechlichen Instanz bei der Bewertung der politischen Lage macht.
Es ist erstaunlich, wie sehr sich das Land verändert hat, und ebenso erstaunlich ist die panische Reaktion derer, die sich am Status quo festklammern. Wir haben uns an schnelle Veränderungen gewöhnt – vom Smartphone bis zum globalen Machtgefüge –, doch in der Berliner Regie stiftet jede Abweichung von der gewohnten Konstellation tiefstes Entsetzen. Dabei ist der Wandel kein Betriebsunfall, sondern die natürliche Folge einer Welt, die sich dreht, auch wenn man versucht, ihr durch Verordnungen und Richtlinien den Stecker zu ziehen.
Dabei ist der Wandel kein Betriebsunfall, sondern die natürliche Folge einer Welt, die sich dreht, auch wenn man versucht, ihr durch Verordnungen und Richtlinien den Stecker zu ziehen. Wer in der Politik auf Stillstand setzt, muss sich nicht wundern, wenn der Fortschritt zur existentiellen Bedrohung für das alte System wird. Politik ist kein statisches Museumsstück, sondern ein dynamisches Ringen um die beste Lösung, das die heutige Führungselite jedoch offenbar komplett verlernt hat.
Der geschärfte Instinkt der Geschichte
Unsere ostdeutschen Landsleute haben eine Erfahrung gemacht, die dem Westen weitgehend abgeht: Sie haben das Tauchen in tiefem Wasser gelernt. Wer zu schnell aus einer Diktatur in eine Demokratie wechselt, braucht Entspannungsphasen, doch dieser Prozess wurde im Schnelldurchlauf absolviert. Die Folge ist eine besondere Sensibilität: Unsere Landsleute riechen die Lüge, sie wittern die parteibuchgetreue Linientreue und das unerträglich Unehrliche, das den heutigen Politikbetrieb durchzieht.
Wenn die Tagesschau heute mit derselben Selbstverständlichkeit regierungstreue Narrative in Sachen Klimapolitik oder Wärmepumpen verbreitet, wie es einst die „Aktuelle Kamera“ tat, dann rufen diese Bilder bei den Menschen im Osten ein traumatisches Déjà-vu hervor. Sie lassen sich Wirklichkeit nicht mehr von Propaganda diktieren – eine Fähigkeit, die ihnen im Westen schmerzlich fehlt. Sie sind uns voraus, weil sie das Ende der Fahnenstange schon einmal gesehen haben.
Der Geist des Misstrauens
Unser Demokratiebegriff wird heute, ähnlich wie in der DDR das „Unser Staat“, als Instrument der Exklusion genutzt. Wer widerspricht, wird als „verfassungsfeindlich“ delegitimiert. Dabei ist ein tiefes, gesundes Misstrauen gegenüber dem Staat keine Bedrohung, sondern die Grundvoraussetzung jeder funktionierenden freien Gesellschaft. Thoreau lehrte uns die Pflicht zum zivilen Ungehorsam, doch hierzulande wird jede kritische Nachfrage im Keim erstickt, um die Fiktion einer harmonischen Gemeinschaft zu bewahren.
Die Sündenbock-Mechanismen funktionieren in Deutschland noch immer, nur haben sich die Adressaten geändert. Da der Bedarf, an jemandem die eigene Unfähigkeit abzuladen, in diesem Land chronisch ist, wird die AfD mit Dämonisierung überzogen, die an Absurdität kaum noch zu überbieten ist. Man vergleicht sie mit völlig anderen historischen Epochen, nur um die tatsächlichen Herausforderungen der Gegenwart zu ignorieren und sich selbst als moralisch überlegene Helden zu inszenieren.
Die Brandmauer, die man mühsam hochgezogen hat, bröckelt unter dem Druck der eigenen Versäumnisse. Es bringt nichts mehr, die AfD als ansteckend oder gefährlich zu markieren, solange die Probleme im Alltag – Kriminalität, Überforderung der Sozialsysteme, wirtschaftlicher Niedergang – für jeden sichtbar bleiben. Wer die Wirklichkeit leugnet, wird von ihr eingeholt.
Das Ende der Träume
Wir leben in einem Phantasieland, in dem man glaubt, mit einem Selbstbestimmungsgesetz gegen die Biologie zu gewinnen oder durch die Deindustrialisierung das Weltklima zu retten. Diese Fiktionen halten der Realität nicht stand, und der Zusammenbruch ist nur eine Frage der Zeit, wie Broder treffend analysiert. Deutschland ist längst das „Reich der Träume“, doch das Erwachen wird schmerzhaft sein, wenn man erkennt, dass man das eigene Fundament untergraben hat.
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