Man muss der nordrhein-westfälischen Sozialdemokratie dankbar sein. Wahrhaftig. In einer Epoche, in der sich die politische Klasse gemeinhin in zähen Haushaltsberatungen, bröckelnden Brückenpfeilern und dem allgegenwärtigen bürokratischen Mehltau verliert, sorgt die Düsseldorfer Landtagsfraktion für die überfällige Wiederbelebung des Volkstheaters. Was man dort gestern im Plenarsaal bestaunen durfte, war keine bloße Entgleisung des politischen Takts, sondern eine geradezu monumentale Peinlichkeit, dargeboten mit jener unnachahmlichen Mischung aus Weihrauch, Selbstüberhebung und Geschichtstaubheit, die man sonst nur in den letzten Reihen spätantiker Provinzkongresse vermuten würde. Rote Parteisoldaten, wohlversorgt durch Diäten und Altersbezüge, die jeder normale Arbeitnehmer für ein Märchen aus Tausendundeiner Nacht halten muss, griffen zur Schnittblume. Mit weißen Rosen auf den Abgeordnetenpulten demonstrierte man Entschlossenheit. Wogegen? Gegen ein totalitäres Folterregime? Gegen Deportationszüge, Zensurbehörden oder Standgerichte? Bewahre. Man protestierte gegen die Besetzung eines Vizepräsidentenpostens im fernen Landtag von Sachsen-Anhalt. Der Widerstand des Jahres 2026 findet nicht mehr in finsteren Kellern an der Kurbel verbotener Vervielfältigungsapparate statt, sondern auf flauschigen Teppichböden zwischen Kaffeepause und Plenardebatte.

Die Verharmlosung des Terrors gehört im heutigen Politikbetrieb zum guten Ton, doch dieser Coup schlägt dem Fass den Boden aus. Sophie und Hans Scholl wurden vor knapp über acht Jahrzehnten im Münchner Gefängnis Stadelheim von Scharfrichter Johann Reichhart unter das Fallbeil gelegt, weil sie unter Einsatz ihres Lebens Flugblätter gegen eine mörderische Diktatur druckten und verteilten. Sie blickten der Fratze von Roland Freisler und dem sicheren Tod ins Auge. Heute wähnen sich beamtete Parteifunktionäre im Düsseldorfer Landtag in derselben Traditionslinie, weil ihnen die parlamentarischen Mehrheitsverhältnisse in Magdeburg missfallen. Wie ein Bericht von NIUS detailliert dokumentiert, verwandelte die SPD-Fraktion den Plenarsaal in eine Kitsch-Kulisse des moralischen Überlegenheitswahns, um gegen die Wahl des Magdeburger Landtagspräsidiums zu protestieren. Wer eine geheime Abstimmung über Geschäftsordnungsfragen und Ausschusssitze mit dem heldenhaften Martyrium von Studenten gleichsetzt, die für ihr Gewissen geköpft wurden, leidet nicht nur an einer bedenklichen Wahrnehmungsstörung. Er begeht eine schamlose Leichenfledderei am historischen Andenken, um billigen parteipolitischen Geländegewinn einzufahren. Das historische Vermächtnis der Geschwister Scholl wird hier schlichtweg als Gratis-Requisite für eine mediengerechte Betroffenheitsshow verfrühstückt.

Dieser inflationäre Heldenkult ist das untrügliche Symptom einer saturierten Funktionärskaste, die unter einem quälenden Mangel an echter Bewährung leidet. Wenn die Reallöhne schrumpfen, die Kassen leer sind und das Bildungssystem im Zustand des Zerfalls verharrt, bleibt dem Parteiapparat nur noch die moralische Aufrüstung. Je kleiner das eigene politische Format, desto gigantischer müssen die historischen Kostüme sein, in die man sich zwängt. Die Genossen leiden an einer Art Phantomschmerz: Sie wären so furchtbar gern die Retter der Republik, die furchtlosen Partisanen im Kampf gegen das Böse. Doch das Schicksal hat sie lediglich dazu verdammt, über kommunale Entlastungsfonds und Tempo-30-Zonen abzustimmen. Also wird jede parlamentarische Formalie zur existenziellen Schlacht um das Schicksal der Menschheit stilisiert. Man kämpft nicht mehr mit Argumenten oder besseren Gesetzentwürfen; man wedelt mit Zierpflanzen und postuliert die eigene Heiligkeit. Es ist die vollständige Infantilisierung des politischen Diskurses, bei der das Wohlfühl-Selfie mit der Rose in der Hand mehr gilt als jede noch so mühsame Sacharbeit. Wer nicht mitklatscht, gilt fortan als Feind der Verfassung, während die wahren Feinde der Vernunft auf den Regierungsbänken thronen und die Geschichte schamlos plündern.

Der Blick nach Magdeburg offenbart dabei die ganze Absurdität der Düsseldorfer Hysterie. Dort geriet die sächsisch-anhaltische Landespolitik in eine beispiellose Paralyse, weil das gesamte Parteienkartell vor der eigenen Courage erschrak. Während Boris Reitschuster treffend seziert, wie sich die Magdeburger CDU aus panischer Angst vor dem rot-grünen Moral-Furor selbst zerlegt und unter Generalverdacht stellt, wittern die Düsseldorfer Genossen bereits den Marsch auf Berlin. Was war geschehen? Ein Abgeordneter wurde gemäß den demokratischen Regeln eines gewählten Landesparlaments in ein Gremium gewählt. Kein Umsturz, keine Panzer rollten durch die Elbmetropole, keine Verfassung wurde suspendiert. Es war schlicht das Funktionieren parlamentarischer Mechanismen. Doch für die Hohepriester der Haltung genügt schon der Hauch einer Abweichung von der verordneten Einstimmigkeit, um den nationalen Notstand auszurufen. Die Düsseldorfer Aktion offenbart eine erschreckende Missachtung des Föderalismus: Aus dem fernen Rheinland maßt man sich an, die Legitimität demokratischer Beschlüsse eines ostdeutschen Landtags zu delegitimieren und diesen Vorgang in die Nähe des Dritten Reiches zu rücken. Es ist die Arroganz westdeutscher Polit-Bürokraten, die den Bürgern im Osten demonstrieren wollen, wie echte, saubere Demokratie zu funktionieren hat – vorzugsweise mit Schnittblumen aus dem Großhandel.

Zu wahrer Hochform liefen angesichts dieses Laienspiels freilich die Hofberichterstatter der etablierten Medienanstalten auf. Wo ein wacher, unabhängiger Journalismus schallendes Gelächter anstimmen und die peinliche Hybris dieser Blumenkinder schonungslos zerpflücken müsste, herrscht in den Redaktionsstuben von Westdeutschem Rundfunk, Süddeutscher Zeitung und Co. andächtige Ergriffenheit. Man feiert die Düsseldorfer Rosen-Posse allen Ernstes als mutiges Zeichen, als Fanal zivilgesellschaftlicher Wachsamkeit und tief empfundener Verantwortung. Kein zynisches Wort über die obszöne Relativierung der Scholl-Geschwister, kein spöttischer Satz über die Schamlosigkeit, mit der Funktionäre ihr eigenes politisches Versagen hinter den Märtyrern der NS-Diktatur verstecken. Stattdessen zelebrieren die Edelfedern der Qualitätspresse die Abgeordneten wie moderne Heroen, die heldenhaft dem Bösen trotzen, während sie doch lediglich auf Ledersesseln lümmeln und auf die Diätenerhöhung warten. Dieser servile Begleitgesang entlarvt den Zustand des deutschen Haltungsjournalismus: Er ist längst nicht mehr der Kontrolleur der Macht, sondern ihr wohlwollender Pressesprecher, der jede noch so verquere Inszenierung mit gefühliger Prosa veredelt und jede Kritik daran als reaktionäre Bösartigkeit brandmarkt.

Was bleibt von diesem florentinischen Schmierentheater? Eine fundamentale Verachtung für die historischen Tatsachen und eine beispiellose Abstumpfung gegenüber echten Verbrechen. Wer den alltäglichen Parlamentsbetrieb mit dem Widerstand gegen Adolf Hitler gleichsetzt, beraubt die Gesellschaft der Fähigkeit, echte Tyrannei überhaupt noch zu erkennen. Wenn die Wahl eines Vizepräsidenten durch geheime Stimmzettel bereits das Äquivalent zur Weißen Rose darstellt, was ist dann echte Diktatur? Die Düsseldorfer Genossen haben dem antifaschistischen Gedenken einen verheerenden Bärendienst erwiesen. Sie haben den Mut, das Leiden und das Opfer zweier junger Menschen, die für Wahrheit und Freiheit starben, auf das Niveau eines Werbegeschenks für die nächste Parteitagsdelegation herabgewürdigt. Karl Marx bemerkte einst, dass die Geschichte sich stets zweimal ereigne: das erste Mal als Tragödie, das zweite Mal als Farce. Die nordrhein-westfälische SPD hat bewiesen, dass es noch eine dritte Stufe gibt: die unerträgliche, durchsubventionierte Peinlichkeit der selbstgerechten Berufspolitik.