Man muss dem politischen Berlin für diese Tage fast dankbar sein, denn selten zuvor wurde das Elend der parlamentarischen Restbestände mit solch hemmungsloser Hingabe aufgeführt. Da sitzt Sigmar Gabriel im wohltemperierten Hamburger Fernsehbunker von Markus Lanz, blickt mit den weisen Augen eines frühverrenteten Staatsmannes in die Kameras und spricht die Grabrede auf das eigene Lebenswerk. Union und SPD, so doziert der einstige Vizekanzler mit dem feinen Gespür des Mannes, der das sinkende Schiff rechtzeitig gegen lukrative Aufsichtsratsposten getauscht hat, zögen sich gegenseitig mit einer unerbittlichen Konsequenz in den Abgrund. Wie NIUS über Gabriels düstere Lageanalyse berichtet, schaufelten Schwarz und Rot gerade in trauter Eintracht die letzten Gräber der einst stolzen Volksparteien, auf denen der politische Gegner bald einen ausgelassenen Freudentanz aufführen werde. Gabriel weiß wovon er spricht: Wer jahrelang die Fundamente des Hauses mit ideologischem Trockenbau und wohlfeilen Phrasen unterhöhlt hat, erkennt die ersten herabfallenden Deckenteile sofort. Es ist das vertraute Knirschen im Gebälk einer politischen Kaste, die den Kontakt zur Wirklichkeit schon vor geraumer Zeit an der Garderobe des Reichstagsgebäudes abgegeben hat.
Das Drama entfaltet seine köstlichste Komik freilich dort, wo die Akteure ihren moralischen Bankrott als heroischen Abwehrkampf gegen das Böse inszenieren wollen. Lars Klingbeil, dieser fleischgewordene Kompromiss zwischen Funktionärsroutine und woken Betroffenheitsfloskeln, versuchte in derselben Sendung die Rolle des edlen Ritters der Anständigkeit zu mimen. Doch der Schuss ging nach hinten los, und zwar mit erstaunlicher Wucht. Wenn selbst ein professioneller Konsens-Moderator die Beherrschung verliert und dem SPD-Parteichef live auf den Kopf zusagt, er selbst sei ein maßgeblicher Treiber der gesellschaftlichen Spaltung, dann brennt die Hütte lichterloh. Wie Apollo News über den verbalen Schlagabtausch dokumentiert, attackierte Markus Lanz den sichtlich überforderten Genossen frontal: Klingbeil sei mit seinen pausenlosen Unterstellungen und der permanenten Dämonisierung Andersdenkender längst selbst integraler Bestandteil der politischen Vergiftung geworden. Klingbeils Miene in diesem Moment war ein Meisterwerk unfreiwilliger Komik: die tiefe Kränkung eines Apparatschiks, der fest davon überzeugt ist, dass seine eigene Hybris eigentlich mit einem Bundesverdienstkreuz prämiert werden müsste.
Auf der anderen Seite der Barrikade regiert derweil die blanke Wut, gepaart mit jenem kalten Zynismus, den man sonst nur aus den Hinterzimmern bankrotter Investmentfonds kennt. Friedrich Merz, der angetreten war, das Kanzleramt im Sturm der bürgerlichen Vernunft zu erobern, findet sich stattdessen in einer Geiselhaft wieder, deren Lösegeldforderungen täglich steigen. Im Adenauer-Haus pfeifen es die Spatzen inzwischen von den Dächern: Der Oppositionsführer und Kanzleraspirant hat schlicht keine Geduld mehr für das sozialdemokratische Wehleiden. Nach Informationen der Welt heißt es hinter vorgehaltener Hand unverblümt, Merz sei das ewige Gezeter des Koalitionspartners inzwischen völlig gleichgültig; er gehe nun volles Risiko und setze auf Konfrontation statt auf faule Formelkompromisse. Man kann es dem Sauerländer kaum verdenken: Wer mit einer SPD regieren oder koalieren will, die Politik primär als therapeutische Gruppensitzung missversteht, muss irgendwann den Vorschlaghammer herausholen, wenn er nicht selbst als politische Fußnote enden möchte.
Besonders apart gerät die Provinzposse durch das Dazwischengrätschen der mecklenburgischen Landesfürstin Manuela Schwesig, die bekanntlich noch jedem Sturm getrotzt hat, indem sie sich elastisch in die jeweilige Windrichtung bog. Kaum gerät die Berliner Führungsriege ins Wanken, meldet sich Schwerin mit erhobenem Zeigefinger und verlangt Demut und Entschuldigungen, während die CDU-Recken postwendend das Gegenteil fordern. Wie das Magazin Tichys Einblick die parteiinternen Verwerfungen analysiert, zeigt das aktuelle Zerwürfnis zwischen den Granden der SPD und der Union eine bemerkenswerte Gesetzmäßigkeit: Es geht längst nicht mehr um Rentenformeln, Energiepreise oder die Rettung eines kollabierenden Standorts, sondern um die nackte Selbstbehauptung privilegierter Funktionärsapparate. Die Damen und Herren der Berliner Nomenklatura führen einen Zickenkrieg im Glashaus, während draußen der Hagel die Scheiben zertrümmert. Jeder Schusswechsel zwischen Klingbeil, Schwesig und den Merz-Vertrauten offenbart tiefer liegende Risse, die kein Koalitionsvertrag der Welt mehr kitten kann.
An dieser Stelle gebührt den getreuen Hofberichterstattern in den Chefetagen der öffentlich-rechtlichen Sender und den Hamburger Edelfedern unser aufrichtiger Dank für das amüsanteste Kabarettprogramm des Jahres. Mit welcher Hingabe, mit welch verzweifelter Akrobatik das staatsnahe Edelfeder-Geschwader versucht, diesen zerrütteten Haufen als „hartes, aber unverzichtbares Ringen der demokratischen Mitte“ schönzuschreiben, spottet jeder Beschreibung. Da wird aus offenem Hass am Kabinettstisch im Handumdrehen eine „lebendige Debattenkultur“ gezimmert; aus gegenseitiger Erpressung wird „Verantwortungsbewusstsein für das Ganze“, und wenn die Akteure sich im Abendprogramm gegenseitig den Charakter absprechen, erklärt der zuständige Leitartikler am nächsten Morgen mit feierlichem Ernst, dies sei der lebendige Beweis für die Kraft unseres parlamentarischen Systems. Diese Chronisten des Niedergangs merken in ihrer wohligen Berliner Blase gar nicht mehr, wie peinlich ihr ständiges Einfordern von Mäßigung und Harmonie wirkt. Sie klammern sich an das Narrativ der staatstragenden Vernunft wie der Ertrinkende an den Strohhalm, weil sie insgeheim genau wissen: Bricht dieses wacklige Bündnis endgültig auseinander, ist auch ihre eigene Deutungshoheit über die Republik reif für den Reißwolf.
Während im Regierungsviertel eitel Geschirr zerschlagen und über verletzte Gefühle referiert wird, verabschiedet sich die reale Ökonomie des Landes durch den Notausgang. Mittelständische Unternehmer packen ihre Koffer, DAX-Konzerne verlagern ihre letzten zukunftsträchtigen Investitionen nach Ohio oder Schanghai, und die Bürger dürfen an der Supermarktkasse die Zeche für ein Jahrzehnt energiepolitischer Geisterfahrten begleichen. Doch diese Banalitäten des Alltags dringen nicht durch die schallisolierten Fensterscheiben der Ministerien. Dort beschäftigt man sich lieber mit der Frage, wer wem in welcher Talkshow das Förmchen weggenommen hat und ob die Tonlage einer Pressemitteilung den strengen Kriterien des koalitionären Respekts entsprach. Der Berliner Politbetrieb hat sich in eine luxuriöse geschlossene Anstalt verwandelt, in der die Insassen glauben, die Welt drehe sich um ihre Dienstwagenprivilegien und Parteitagsregiepläne.
Gabriel hat recht, auch wenn ihm die eigene Einsicht sichtlich Schmerzen bereitet: Diese Selbstzerfleischung ist kein Unfall, sondern das folgerichtige Endstadium einer politischen Generation, die Moral über Kompetenz und Parteiräson über Staatskunst gestellt hat. Merz will die Flucht nach vorn, Klingbeil die Flucht in die moralische Opferrolle, und das Land schaut fassungslos auf ein Possenspiel, das in seiner Groteske jedes Drehbuch übertrifft. Die Berliner Koalitionspartner ähneln zwei Ertrinkenden, die sich nicht etwa gegenseitig stützen, sondern sich mit aller Kraft unter Wasser drücken, während sie dem anderen lautstark vorwerfen, die Schwimmweste ungebügelt gelassen zu haben. Ein solches Schauspiel verdient kein Mitleid, sondern maximal das schallende Gelächter der Zuschauer kurz vor dem endgültigen Abpfiff.


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