Es gibt Nachrichten, die einen so gar nicht überraschen wollen, weil sie sich in das gewohnte Bild einer wunderlichen Melange aus Vetternwirtschaft, staatlich verordneter Realitätsverweigerung und dem unstillbaren Drang zur persönlichen Bereicherung auf Kosten der Allgemeinheit nahtlos einfügen. Ein veritabler Börsenskandal erschüttert derzeit die Bosporus-Metropole, wie ein ausführlicher Bericht des Spiegel enthüllt. Während Hunderttausende kleine Sparer, die ihr mühsam zusammengespartes Geld in Aktien gesteckt haben, fassungslos vor den Trümmern ihrer Altersvorsorge stehen, sollen führende Exponenten des Regimes genau diesen Zeitpunkt genutzt haben, um ihre eigenen Konten mit Millionenbeträgen zu füttern. Es ist die klassische Geschichte von Raubtierkapitalismus im Gewand nationaler Erhabenheit, bei der am Ende immer dieselben gewinnen und die kleinen Leute die Zeche zahlen.
Besonders pikant an dieser türkischen Tragikomödie ist die Rolle jener Protagonisten, die sich sonst so gerne als unbestechliche Anwälte des kleinen Mannes aufspielen. Wenn ausgerechnet hochrangige Funktionärinnen aus dem innersten Machtzirkel der AKP-Führung in solche Machenschaften verstrickt sein sollen, zuckt man im aufgeklärten Abendland natürlich kurz zusammen, bevor man sich kopfschüttelnd daran erinnert, dass in autokratienähnlichen Gefilden die Gesetze der Marktwirtschaft vor allem dazu da sind, umgangen zu werden. Die Verquickung von politischer Macht und finanziellem Egoismus erreicht hier Dimensionen, die selbst hartgesottene Beobachter des Bosporus-Regimes kurz den Atem anhalten lassen. Doch anstatt transparenter Aufklärung droht nun jene bewährte Mischung aus juristischem Schweigen und medialem Maulkorb, die in Ankara seit Jahren zum guten Ton gehört.
Natürlich darf man in diesem Zusammenhang den Blick nicht vor jener bemerkenswerten Spezies verschließen, die sich hierzulande als vierte Gewalt versteht, sich in der Praxis jedoch allzu oft als willfähriger Hofberichterstatter betätigt. Man muss sich nur einmal vor Augen führen, wie unsere feinsinnigen Qualitätsmedien mit solchen Skandalen umgehen, wenn sie sich im beschaulichen Europa oder bei geladenen Partnern abspielen. Da wird wochenlang relativiert, beschönigt und mit einer Engelsgeduld nach mildernden Umständen gesucht, solange das geopolitische Narrativ gewahrt bleibt. Wenn aber im Osten des Kontinents die Fassade bröckelt, reagieren die hiesigen Betroffenheitsrhetoriker oft mit bemerkenswerter Schnappatmung, um im nächsten Atemzug wieder zur gewohnten Tagesordnung überzugehen, als sei Korruption im islamisch-nationalistischen Machtzirkel lediglich ein bedauerlicher kultureller Betriebsunfall und kein systemisches Prinzip.
Die Mechanismen, mit denen den Kleinanlegern das Geld aus der Tasche gezogen wurde, während die Polit-Elite im Hintergrund die Kasse klingeln ließ, zeugen von einer kreativen Energie, die man sich in der regulären Wirtschaft auch einmal wünschen würde. Da werden Aktienkurse durch gezielte Indiskretionen gelenkt, Insiderinformationen gehandelt wie billiges Obst auf dem Basar und die staatlichen Aufsichtsbehörden zu zahnlosen Papiertigern degradiert, die im entscheidenden Moment konsequent wegschauen. Es ist der pure Zynismus einer herrschenden Kaste, die den Bürgern predigt, den Gürtel enger zu schnallen, während die eigenen Konten im Takt der Kursgewinne anschwellen. Der kleine Mann kauft Papiere, die am nächsten Tag wertlos sind, während die Parteifreunde den Gewinn bereits auf Offshore-Konten parken.
Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass der realexistierende Autoritarismus eben nicht nur ein Problem der Meinungsfreiheit oder der Justiz ist, sondern vor allem ein glänzendes Geschäftsmodell für diejenigen, die an den Schalthebeln der Macht sitzen. Die Verzweiflung der Hunderttausenden Kleinanleger ist dabei kein Kollateralschaden, sondern das kalkulierte Fundament, auf dem die Paläste der Oberschicht errichtet werden. Wer glaubt, dass sich daran jemals etwas ändert, verwechselt politische Reformen mit freiwilliger Selbstaufgabe der Herrschenden. Und so wird das Rad der Enteignung sich weiterdrehen, bis vom Ersparten der Bürger nur noch die Erinnerung geblieben ist.



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