Man muss der europäischen Intelligenzija eines lassen: Ihre Verlässlichkeit beim kollektiven Hyperventilieren grenzt an ein Naturgesetz. Kaum betätigt Elon Musk wieder einmal die gigantische Nebelkerzenmaschine seines texanischen High-Tech-Imperiums, bricht in den Redaktionsstuben zwischen Zürich, Hamburg und Berlin das gewohnte Nervenflattern aus. Der Anlass für die jüngste Wallung moralischer Entrüstung könnte kaum grotesker sein: Der Mann, der tagsüber Satellitennetze dirigiert und nachts auf X das globale Bildungsbürgertum mit pubertären Memes malträtiert, hat einen fliegenden Sportwagen angekündigt. Für schlappe 250.000 Dollar dürfen wohlhabende Technik-Gläubige einen elektrischen Boliden reservieren, der mithilfe von Kaltgas-Raketentriebwerken über den irdischen Stau hinwegschweben soll. Ein Zirkuskunststück erster Güte, das den P.T. Barnum des einundzwanzigsten Jahrhunderts in Höchstform zeigt. Wie die Neue Zürcher Zeitung treffend analysiert, handelt es sich bei dem angeblichen Wundergefährt vor allem um einen genialen Marketing-Gag, dessen Vorbesteller am Ende des Tages exakt in derselben Blechlawine stehen werden wie der gemeine Pendlermob im rostigen Golf. Doch um schnöde Physik oder profane Straßenverkehrsordnungen ging es bei Musk noch nie. Es geht um den Mythos der totalen Erlösung durch Konsum – und um den garantierten Schockeffekt bei den Hütern des schlechten Gewissens.

Denn während die zahlungskräftige Klientel brav Schecks über eine Viertelmillion ausschreibt, formiert sich auf der anderen Seite des Atlantiks die inquisitorische Gegenbewegung. Kaum hatte die Meldung vom fliegenden Tesla die Kabel erreicht, da meldete sich bereits die Fraktion der Berufsbetroffenen zu Wort, um den Untergang des Abendlandes an die Wand zu pinseln. Das Schweizer Debattenportal Infosperber forderte ohne jede Scham, man müsse Musk schlicht und ergreifend sein Vermögen wegnehmen, da kein einzelner Milliardär über Krieg, Frieden und die digitale Infrastruktur des Planeten walten dürfe. Es ist dieser urdeutsche, mitteleuropäische Reflex des beleidigten Untertanengeistes: Wenn ein Individuum erfolgreicher, lauter und schamloser auftritt als ein bundesdeutscher Ministerialrat, muss unverzüglich die staatliche Planierraupe anrollen. Enteignen, besteuern, verbieten, regulieren. Man stelle sich vor, ein schwäbischer Oberstudienrat müsste ertragen, dass jemand im Silicon Valley Raketen baut, während im heimischen Landkreis die Sanierung der Schultoilette an den Vorgaben für barrierefreie Fliesenfugen scheitert. Die schiere Existenz eines unkontrollierten Milliardärs beleidigt das bürokratische Weltbild bis ins Mark.

Besonders köstlich gerät dieses Schauspiel durch das permanente, peinlich windelweiche Schönreden der Hofberichterstatter unserer etablierten Leitmedien. Dieselben Edelfedern, die Musk vor wenigen Jahren noch mit heiligem Schauer als grünen Messias der emissionsfreien Mobilität feierten, als seine Subventionsabsauganlagen noch brav das Märchen von der klimaneutralen Rettung bedienten, stehen heute vor den Trümmern ihrer eigenen Heiligsprechung. Da der Ketzer aus Austin es gewagt hat, die sakrosankten Dogmen der woken Glaubensgemeinschaft zu zertreten, die Meinungsfreiheit auf seiner Plattform für vogelfrei zu erklären und den Polit-Establishments beiderseits des Atlantiks den gestreckten Mittelfinger zu zeigen, wird er nun posthum zum Menschheitsfeind erklärt. Man windet sich in endlosem semantischen Gehabe: Was gestern noch visionäre Innovationskraft hieß, wird heute zum toxischen Zündeln eines erratischen Oligarchen umgedeutet. Man merkt den Hofschreibern in den Funkhäusern und Verlagsetagen die pure Verzweiflung an. Sie haben ihren eigenen Propheten erschaffen, ihn mit Milliarden an staatlichen Fördergeldern gemästet, und nun weigert sich das Monster standhaft, im Chor der moralischen Tugendwächter mitzusingen.

Hinter den wütenden Rufen nach Zerschlagung und Zwangsabgaben verbirgt sich freilich eine tiefe, nagende Ohnmacht. Das alte Europa hat in den vergangenen drei Jahrzehnten buchstäblich jede relevante Zukunftsindustrie verschlafen. Wir haben keine weltumspannenden Tech-Konzerne, wir haben keine Raumfahrtprogramme, die ohne jahrelange Budgetdebatten in Straßburg auskommen, und wir haben keine Batteriefabriken, die im globalen Maßstab konkurrieren können. Was wir haben, ist die Datenschutz-Grundverordnung, ein Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz und ein Heer von behördlich bestellten Gleichstellungsbeauftragten, die den Niedergang in gendergerechter Sprache protokollieren. Wenn ein Kontinent, dessen wirtschaftliches Flaggschiff einst der Verbrennungsmotor war, nun dabei zuschaut, wie seine industrielle Substanz unter den Strompreisen verglüht, bleibt ihm eben nur noch die Rolle des Moral-Schiedsrichters. Wir bauen zwar keine Computerchips und keine Raketen, aber wir wissen ganz genau, wie man sie mit ethischen Richtlinien so weit erdrosselt, bis auch der letzte Ingenieur das Weite sucht.

Die Vorstellung, dass man die Macht von Figuren wie Musk dadurch bricht, dass man ihnen das Geld wegnimmt, zeugt von einer ökonomischen Naivität, die fast schon wieder rührend ist. Wo genau soll dieses konfiszierte Geld denn landen? In den gierigen Händen jener Regierungsapparate, die es binnen Tagen in dysfunktionalen Förderprogrammen, ausufernden Migrationsetats und subventionierten Prestigeprojekten versenken würden? Wer glaubt, die Brüsseler Kommission oder ein deutsches Bundesministerium würden mit Musks Milliarden plötzlich die globale Armut abschaffen und den Weltfrieden einläuten, der glaubt auch, dass man durch das Aufstellen von Tempo-30-Schildern die Erderwärmung stoppen kann. Das Vermögen von Tech-Milliardären existiert nicht als Dagobert-Duck-Goldspeicher, in den man einfach eine Schaufel rammen kann; es besteht aus Unternehmensanteilen, die an dem Tag in sich zusammenfallen würden, an dem ein staatliches Enteignungskomitee die Vorstandsetagen betritt. Der Enteignungsruf ist nichts weiter als das ökonomische Analogon zur Hexenverbrennung: primitive Schadenszauber-Abwehr einer Gesellschaft, die ihre eigene Schöpfungskraft eingebüßt hat.

Hinzu kommt die heuchlerische Doppelmoral des digitalen Pöbels, der auf Musks Plattform sitzt und Tag für Tag dessen Verbannung fordert. Es ist die reinste Realsatire: Man tippt auf einem Smartphone, das unter fragwürdigsten Bedingungen in Asien zusammengebaut wurde, empört seine Tiraden in Musks Kurznachrichtendienst hinein, generiert dabei Abermillionen an Werbeimpressionen für genau diesen Konzern und fühlt sich im selben Atemzug als mutiger Widerstandskämpfer gegen den globalen Turbokapitalismus. Diese Leute wollen gar nicht, dass Musk verschwindet. Sie brauchen ihn. Er ist die Projektionsfläche für ihr eigenes moralisches Überlegenheitsgefühl, der willkommene Punchingball, an dem man die eigene Bedeutungslosigkeit abarbeiten kann. Ohne das Feindbild des durchgeknallten Silicon-Valley-Milliardärs wäre die europäische Tugendindustrie schlichtweg arbeitslos.

Musk seinerseits weiß das ganz genau und spielt auf der Klaviatur der europäischen Hysterie wie ein virtuoser Konzertpianist. Er wirft den Hunden einen fliegenden Raketen-Tesla hin, und die gesamte Journaille springt gehorsam über das Stöckchen. Während man in den Amtsstuben noch darüber debattiert, ob man ein Disziplinarverfahren gegen den nächsten unbotmäßigen Tweet einleiten oder eine Sondersteuer für Luxusvehikel erfinden soll, lacht sich der Schelm in Texas ins Fäustchen und sammelt die Anzahlungen ein. Das ist die Tragikomödie unserer Zeit: Ein überalterter, vorschriftenwütiger Kontinent klammert sich an seine bürokratischen Formulare und glaubt allen Ernstes, er könne die Gesetze der globalen Technologie mit dem Zeigefinger aufhalten. Die Zukunft mag laut, rücksichtslos und mitunter unerträglich vulgär sein – aber sie wird mit Sicherheit nicht im Berliner Regierungsviertel entschieden.