Wieder einmal liegt der Geruch von verbranntem Gummi und billigem Weihrauch über Berlin. Wieder einmal ist der Täter tot, von der Polizei in die ewigen Jagdgründe befördert, bevor er auch nur eine einzige Silbe zu seinem Motiv hätte sagen können. Der Anschlag auf den CSD endete in einem Blutbad, das die übliche Choreografie der deutschen Betroffenheitskultur in Gang setzte. Man kennt das Spiel: Kerzen werden aufgestellt, Blumen niedergelegt, und die politische Elite eilt vor die Mikrofone, um mit feuchten Augen die Unvereinbarkeit solcher Taten mit unserer Lebensweise zu beschwören. Es ist das immer gleiche Theaterstück, bei dem die Statisten jedes Mal ein bisschen blasser werden, während die Regisseure im Kanzleramt nach den passenden Adjektiven suchen, um das Unaussprechliche in eine wohlklingende Phrase zu kleiden.

Es ist bezeichnend für den Zustand dieses Landes, dass die Debatte um Remigration und das konsequente Ausschaffen von Gefährdern regelmäßig erst dann Fahrt aufnimmt, wenn das Kind längst in den Brunnen gefallen ist – oder in diesem Fall, wenn der Täter bereits die Menschenmenge dezimiert hat. Wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung schreibt, fordern nun plötzlich selbst jene, die jahrelang jede Verschärfung des Asylrechts als rechtspopulistisches Teufelszeug abgetan haben, einen härteren Kurs. Es ist ein erbärmliches Schauspiel, eine politische Bankrotterklärung, die sich hinter dem Wort „Aufarbeitung“ versteckt. Man debattiert über Prävention, während die Axt bereits an der Wurzel der inneren Sicherheit ansetzt. Die Frage ist nicht, ob es einen nächsten Anschlag geben wird, sondern wann die politischen Entscheidungsträger begreifen, dass eine Einladung an die Welt nicht ohne Einladung an das Chaos einhergeht.

Besonders amüsant – wenn man das Wort in diesem Kontext überhaupt in den Mund nehmen darf – ist die Reaktion der sogenannten Qualitätspresse. In einem Kraftakt der kognitiven Dissonanz versuchen diese Blätter, das Ereignis als „Erfolg der Sicherheitsbehörden“ zu verkaufen, weil der Täter eben prompt neutralisiert wurde. Es wird über die „schnelle Reaktion der Polizei“ philosophiert, während man das elephantöse Problem im Raum ignoriert: Warum war dieser Mann überhaupt noch hier? Warum durfte er sich in diesem Land frei bewegen, obwohl die Sicherheitsbehörden ihn offensichtlich auf dem Schirm hatten? Der Spiegel liefert hierzu die übliche Analyse, die sich in soziologischen Erklärungsmodellen verliert, anstatt den einfachen Fakt zu benennen: Ein Staat, der seine Grenzen nicht sichert und seine Gesetze nicht durchsetzt, verliert sein Existenzrecht.

Die Forderungen nach härterem Durchgreifen klingen hohl wie eine leere Blechbüchse. „Wir werden alles tun, um die Sicherheit zu gewährleisten“, heißt es dann. Was genau bedeutet das? Mehr Blumenkübel in Fußgängerzonen? Mehr Videokameras, die ohnehin nur den Tathergang in hoher Auflösung dokumentieren, aber keinen einzigen Täter aufhalten? Die notwendige Konsequenz wäre eine Remigration von Gefährdern, die keine deutsche Staatsbürgerschaft besitzen und deren Aufenthalt hierzulande ohnehin nur ein langer Irrtum ist. Doch stattdessen erleben wir eine Politik der kleinen Schritte, der juristischen Haarspalterei und der Angst vor der eigenen Courage.

Man muss sich fragen, wie lange das deutsche Volk diese Form der kollektiven Demütigung noch mitmacht. Es ist eine Gesellschaft, die sich in ihrer eigenen moralischen Überlegenheit verheddert hat, während sie von denjenigen ausgelacht wird, die unsere offenen Türen als Einladung zum Krieg verstehen. Die Wut ist längst in eine resignierte Verachtung umgeschlagen. Man erwartet von der Politik nichts mehr, außer dass sie im nächsten Jahr an der gleichen Stelle wieder die gleichen Kränze niederlegt. Das ist kein Staat, das ist ein Verwaltungsbezirk im Wartemodus auf die nächste Katastrophe.

Taten, nicht Worte! Das ist die Forderung, die seit Jahren durch die sozialen Kanäle geistert, während in den Parlamenten weiterhin nur heiße Luft produziert wird. Solange die Abschiebung von Gefährdern an der bürokratischen Unfähigkeit oder dem wohlwollenden Blick von Richtern scheitert, die das Grundgesetz eher als Hindernis denn als Schutzschild betrachten, wird sich nichts ändern. Wir leben in einem Land, in dem das Recht des Täters auf ein rechtsstaatliches Verfahren höher gewichtet wird als das Recht des Bürgers auf körperliche Unversehrtheit. Ein solches Land hat seinen inneren Kompass verloren und steuert sehenden Auges auf den nächsten Abgrund zu.